Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 9 (8.12.1913)
- Article
- Ökonomische Übersicht
- Date
- 1913-12-08
- Page
- Seite 527 (sequence 2)
- Language
- German
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526 Ben Mordechai, Oekonomische Uebersicht nach Amerika emigrieren konnten oder wollten, neue Erwerbsquellen suchen, neue Gebiete, auf denen sie ihre Energie betätigen und sich ihren Unterhalt suchen konnten; die einen noch zur rechten Zeit, die anderen, nachdem sie schon vom neuen nichtjüdischen Konkurrenten besiegt waren. Obgleich dieses Gebiet für ihre Majorität das großstädtische kapitalistische Handwerk und die Fabrik-Industrie war, so blieb doch einem bedeutenden Teile, dem diese Lösung der Existenzfrage aus mancherlei sozialen und psychologischen Ursachen, die hier nicht erörtert werden können, unmöglich. Diese Juden nun sahen sich zum Eindringen in die seit Jahrhunderten fast „judenreine" Landwirtschaft gezwungen. Aber dem Juden, der jahrtausendelang die Luft der Stadtkultur eingesogen hatte, war es nicht möglich, sich zu der sozialen Stufe, auf der der Bauer in Rußland steht, zu erniedrigen (obwohl es auch einzelne Fälle gab, wo sich Juden leider in „echte" Bauern verwandelten). Sie griffen nach den Nebenzweigen der Landwirtschaft, Obst- und Gemüsegärtnerei, was ihnen das Verharren in ihrer städtischen Lebenart ermöglichte. Auch verschafften ihnen diese Gebiete die Gelegenheit, ihre kaufmännische Kombinations- und Spekulationsgabe zu benützen. Es war fast eine Neuigkeit für uns, als die Expedition der ICA die Tatsache feststellte, daß sich außer den jüdischen Kolonisten *) noch 21 000 Juden (ohne ihre Familienmitglieder) in kleinen Städten und Städtchen mit landwirtschaftlichen Nebenzweigen beschäftigen. Besonders stark ist dies in Bessarabien (Tabakplantagen) und im Suwalker Gouvernement, wo eine gut entwickelte jüdische Gärtnerei hauptsächlich für den Export nach Deutschland produziert, entwickelt**) Zieht man die großen Hindernisse in Betracht, welche die Regierung den Juden auf dem Wegje zur Landwirtschaft bereitete (bekanntlich dürfen Juden keine Ländereien außerhalb des Rayons der Städte oder Städtchen besitzen oder in Pacht halten, sogar wenn sie sie mit eigenen Kräften bebauen wollen), dann wird uns diese Anzahl jüdischer Landwirte gar nicht gering erscheinen. Dazu kommt noch, daß die wahre Zahl der in den Nebenzweigen der Landwirtschaft beschäftigten Juden viel größer als die oben gegebene ist, da die Expedition doch nicht alle Orte erforschen konnte, und da — was das Wichtigste ist — viele Juden aus Angst vor Bestrafung wegen ungesetzlicher Landpachtung ihre Beschäftigung nicht mit Landwirtschaft angaben. Aus dem gleichen Grunde kann man sich in dieser Hinsicht auch nicht auf *) Eine Uebersicht über die jüdischen Kolonien und Dörfer Rußlands gedenke ich in einer der folgenden Uebersichten der „Freistatt0 zu geben. **) Zbornik materialow ob jekonomitsheskom polozherici jewrejew w Rossy, I, ff.