Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Entwicklungen
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 477 (sequence 3)
- Language
- German
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476 Vom jüdischen Leben und Schaffen Lachen der vergangenen Histadrus- Konferenz aus: „Wie können wir", meinte er, „dem Jargon unsere nationalen Schätze anvertrauen, da von den neuen Jargonen ebensowenig bleiben wird, wie von dem einstigen? Aramäisch hatte sein Grab im Hebräischen gefunden, nur Jekum Purkon und das Kaddisch haben sich von ihm erhalten/ (Wo ist der Talmud mit seinem eigenen starken Leben bis auf den heutigen Tag?) — Wie anders klang es doch noch vor zwei Jahren in der Vorrede der vonRawnitzki und Bialik in jiddischer Sprache herausgegebenen nJüdischen Sagen und Legenden*: „unternahmen sie die Herausgabe derselben, um den kostbaren Volksschatz damit jedem Juden zugänglich zu machen. Die Übersetzung wurde so vorsichtig und gediegen ausgeführt, wie es eine so vorantwortungsreiche Arbeit verlangt.1' Da möchte man fragen: Vor wem verantworten — vor der Zukunft der jiddischen Sprachentwicklung etwa? Der todgeweihten? 1 Shaban, Richard Dehmel zur Kiewer Gewalttat Dehmel hat in der Halbmonatsschrift „Der Sozialist* einige Worte gesagt, die einen mit manchem wenig Klugen, was er einmal zum jüdischen Problem geschrieben hat, versöhnen können Es heißt dort: „Muß man es wirklich noch sagen, daß der Greuel von Kiew, schon als bloße Möglichkeit, das Christentum vor die Säue wirft? Daß ein Gerichtshof, der tatsächlich die menschliche Bestialität begönnert, sich aller sieben Todsünden schuldig macht! Und das geschieht in einem Staat, dessen Herrscher der allerchristlichste heißt und oberster Herrscher ist! — Warum schweigen die Amtsbrüder dieses Herrschers, die sonst so vernehmlich zu rufen wissen: „Völker Europas, wahrteure heiligsten Güter!* Warum erheben die Völker nicht ihre Gottesstimme, wenn die Herrscher Unmenschliches geschehen lassen! Will unsre Zeit bei der Nachwelt den Ruhm erwerben, dafl wir unübertreffliche Kammerdiener der Feigheit sowohl wie der Roheit waren? Sind wir soweit gediehen mit unsrer Alles versteherei, daß wir nun auch denen bereits verzeihen, die unser Gewissen mit Füßen treten? Ist das der Gipfel unsrer Naturwissenschaft, unsrer Kulturrassigkeit und Herrenmoral, zur Barbarei zurückzukriechen? — Heran, wer noch aufrechten Geistes ist! In welchem Lager er immer stehe, ob Antisemit oder Philosemit, ob Individualist oder Sozialist, Staatsbürger oder Weltbürger: Wer noch für menschliche Würde kämpft, wer noch hochherzig denkt gegen Feind wie Freund, wer noch Zorn im stillen fühlt über schamlose Niedertracht — es ist endlich Zeit laut aufzuschreien: Wir dulden diese Gemeinheit nicht Jäneer!a Von noch nicht Benebelten JVL Temkin beschreibt im „Haut" die Siedelungen russischer, zum Judentum übergetretenen Bauern im Kaukasus* Aus den überaus interessanten Schilderungen sei hier nur ein Detail hervorgehoben. Die Stelle lautet in Übersetzung: „Selbstverständlich sprechen die Proselyten russisch. Jüdisch können sie nicht. Der Melammed, (Lehrer des Chejders, der jüdischen Elementarschule; natürlich kein Proselyt) versuchte anfangs die Segenssprüche und den Kiddesch in russischer Sprache zu lehren. Aber die Proselyten wollten das durchaus nicht haben. Nein, Learer, meinten sie, sprechen könnt Ihr mit Euren Schülern russisch, aber die Segenssprüche übersetzen müßt Ihr ins Jüdische. Der Melammed entgegnete, die Kinder würden zwei unbekannte Sprachen (Jüdisch und Hebräisch) auf einmal lernen müssen und das wäre für sie zu schwer. Doch sein Einwand wirkte nicht. ,Kein Unglück', sagten sie, ,unsern Kindern werden wohl die Gehirne nicht eintrocknen. Sie sollen die Gebete nur in unsere Sprache übersetzen.1 — Ich fragte einige Proselyten, warum sie Jüdisch für unsere Sprache hielten. Sie verstanden meine