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Die Freistatt · 1913-11-15 · Heft 8 (15.11.1913) · p. Seite 450

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 8 (15.11.1913)
Article
Ökonomische Übersicht
Date
1913-11-15
Page
Seite 450 (sequence 2)
Language
German
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ben Mordechai, Der Anteil der Juden usw 449 Der kleine jüdische Kaufmann und Vermittler ging, als er den Textilhandel mit der Produktion von Textilwaren vertauschte, zum naheliegendsten Prozeß, zur Weberei, und nicht zur Spinnerei über. Der Uebergang vom Handel zur Industrie beeinflußte in eigenartiger Weise den Charakter der jüdischen Arbeiterschaft. Der ruinierte jüdische Krämer oder Vermittler mit seinem ausgeprägten Individualismus und kleistädtischen, bürgerlichen Adelsstolz konnte es natürlich nicht leicht über sich bringen, in die Fabrik zu gehen, sich ganz ihrer strengen Herrschaft zu unterwerfen und Arm an Arm mit dem russischen Bauer, auf den er von oben herabsah, zu arbeiten. Unter dem Zwange, zur Industrie überzugehen, suchte er seine persönliche Freiheit auf jede Weise zu bewahren. Das Mittel hierzu fand er in der Hausindustrie, wo jeder Weber zusammen mit seiner Familie an einem eigenen Webstuhle arbeitete, und zwar, wann und wieviel er wollte (obwohl es nicht sehr viel zu wählen gab). Infolge dieser Eigenschaft der jüdischen Arbeiter entstand bei den Juden in viel größerem Umfange als anderswo der Typus von „Fabrikanten ohne Fabrik", die an selbständige Weber Gespinste verteilen und von ihnen fertige Ware zurückbekommen. Diese Produktionsform war die Retorte, in der sich die jüdische Arbeiterpsychologie bilden mußte, um für den Uebergang zur echten Fabrikindustrie fähig zu werden, der auch später wirklich, da in größerem, da in kleinerem Maße erfolgte. Am stärksten war er in Bialystok und Umgebung, am schwächsten im Mittelpunkt der westrussischen Textilindustrie, in Lodz. Anfangs arbeitete man sowohl in Spinnerei-, als auch in Webereifabriken auf Handstühlen, In den Spinnereien wurde der Dampfbetrieb zuerst eingeführt, dann begann der Dampfstuhl auch in die Weberei einzudringen. Diese Produktionsreform wurde für die weitere Entwicklung der jüdischen Arbeit in der Textilindustrie von ungeheurer Bedeutung. Die Fabrikanten begannen, die qualifizierte Arbeit durch nicht oder weniger qualifizierte, insbesondere Männerdurch Frauenarbeit, zu ersetzen. Die Arbeiter waren zu schwach, um irgendwelchen Widerstand leisten zu können. So kam es, daß der Arbeitslohn in den Dampfwebereien anfangs sehr niedrig war. Nicht nur die jüdischen Weber, sondern auch die christlichen weigerten sich, in die Fabriken mit Dampfbetrieb zu gehen, so daß die Lücke durch Bauern ausgefüllt werden mußte, soweit dies nicht durch Frauen geschehen konnte. A. Kotik*) erzählt folgenden inter- * A. Kotik. St Proshloje i nastojashtsheje bjeiostokskoj prolyshljennosti srjedi jewrejew. „Jewrejsky mir" XII. 1910.

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