Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 8 (15.11.1913)
- Article
- Wer ist angeklagt?
- Date
- 1913-11-15
- Page
- Seite 446 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Maxim Anin, Wer ist angeklagt? 445 Wer ist angeklagt? Von Maxim Anin Mendel Beilis? Eine jüdische Sekte? Das jüdische Volk? Würde das die gesamte Kulturwelt so tief erschüttern? Ein russischer Jude wird gefoltert! Rußland spricht dem Judentum jede Menschenqualität ab! Klingt das heutzutage nicht ebenso banal, wie etwa: Wo die Sonne nicht scheint, da ist es — dunkel? . . . . Nein, in Kiew wird — das Gewissen der Kulturmenschheit angeklagt, das allwissende, brutal geknebelte Gewissen, das scheu und kummervoll aus den Augen des blassen „Mannes mit dem schwarzen Barte" herausschaut, das aus Millionen beklommener Herzen den dringenden Mahnruf hört: „Tua res agitur!" , . . . Der Jude ist hier Nebensache, Hülle, Mittel; allerdings — eine zu allen Zeiten „auserwählte" Hülle, ein altbewährtes Mittel Der Kern liegt tiefer: in der zynischen Gesinnung eines Kulturstaates, in der raffinierten Kultivierung des Tierischen in den Massen, in der höhnischen Negierung des Rechtsgefühls als Grundlage jeder Gemeinschaft Die ehrlichen Hexenprozesse! Wie neidvoll blicken wir auf sie zurück — sie sind ja vom Glauben — und sei er Aberglaube! — gefordert und geheiligt Kein niederträchtiger Bauernfang, kein zielbewußtes Züchten eines kulturmordenden Wahnes im Interesse erzreaktionärer Cliquen! Und das arme Gewissen Europas windet sich in Qualen unter den Kosakenstiefeln, protestiert mit tausend Stimmen aus allen Ecken der Welt und schaut mit Grauen dem Verdikt entgegen, das von zwölf russischen Bauern und Kleinbürgern gefällt wird. Ja, es muß dieses Gericht über sich ergehen lassen, dieses arme Gewissen, das während so vieler Jahrhunderte es nicht vermochte, auch nur eine Spur von sich den offiziellen Machtfaktoren einzuimpfen, die vor nichts zurückschrecken, wenn es gilt, den jeweiligen politischen Kurs zu rechtfertigen. Zahlreich und mächtig die Ankläger: Ein Staatsanwalt, der die rabiate Rücksichtlosigkeit des Regimes mit dem robusten Strebertum der Kaste glücklich vereinigt — Ein Kreisgericht, das über die höchsten und allerhöchsten Intentionen aufs beste informiert ist — Ein Geschworenenkollegium, dessen Hauptlektüre bisher wohl Pogrom- und Ritualmord-Broschüren sein dürfte. — Vertreter der echtrussischen Wissenschaft, deren geniale Intuition aus den Wunden des Opfers nicht bloß Rasse,