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Die Freistatt · 1913-10-08 · Heft 6-7 (8.10.1913) · p. Seite 414

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 6-7 (8.10.1913)
Article
Der orthographische Hokuspokus
Date
1913-10-08
Page
Seite 414 (sequence 2)
Language
German
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Vom jüdischen Leben und Schaffen. 413 die hoffentlich auch auf sein ästhetisches Zartgefühl besänftigend rückwirkt, sei hier einiges aus Nr. 1 wiederholt: Die Akzente auf den Vokalen dienen dazu, das Prinzip der Neutralitat auszudrücken, das die „altchaldäische pittoreske Quadratschrift" — eine wahrhaft jüdisch gefühlte Bezeichnung! — in der Aussprache der Juden, in diesem Falle der Ostjuden, besitzt. Dieses Prinzip kann nämlich mit den gewöhnlichen lateinischen Lettern, an denen doch für den deutschen Leser ein festbekannter Lautwert haftet, nicht genügend nachdrücklich nachgeahmt werden. Beispielsweise gibt ,pur* das einheitliche Schriftbild der jiddischen Schreibung dieses Wortes wieder, das in den beiden Hauptdialekten verschieden (pur und porr) ausgesprochen wird. Das ist der eine Faktor für den Bau unserer Umschrift: Die Nachbildung der jiddischen Orthographie. Dazu kommt ein zweiter: Eine etwas genauere phonetische Wiedergabe des Jiddischen als in der jiddischen Schreibung selbst. Das ist bei der Transkription für Fremde natürlich unerläßlich, während der die betreffende Sprache Beherrschende sie traditionell richtig liest. So mußten z. B. hier die Diphtonge oj und ou geschieden werden, die in der jiddischen Orthographie die gleichen Zeichen haben. Ein dritter Faktor ist ein teilweiser Anschluß an mehr oder weniger allgemein gebrauchte phonetische Zeichen* *) Wenn man diese Darlegungen mit den Angriffen des erwähnten Artikels vergleicht, erkennt man ohne weiteres deren Nichtigkeit» Denn hätten sie nur eine Spur von Sachlichkeit an sich, dann hätten sie dieser Transkription mangelnde Genauigkeit vorgeworfen (ng, -ech, -er, -d-t, r'n, 1, Vokalquantitat usw.) — und nicht vielmehr das Gegenteil. Ich hätte darauf erwidert, daß man es dem ungeübten Leser nicht zu unbequem machen darf, ganz abgesehen davon, daß es für unseren Gegenstand fast nicht die geringste Vorarbeit gibt Einen weiteren Hauptstoß führt der Artikel in seinem zweiten Teile: „Fort mit den lateinischen Lettern 1 Zurück zum hebräischen Alphabett" „Jener Leserkreis, der dieses ,,Opfer" nicht zu bringen vermag (d. h. das jiddische Alphabet zu erlernen), kann auch fernerhin der jüdischen Literatur fernbleiben." Wer dieses stolze „Aut-aut" niederschreiben kann, scheint nicht die blasseste Ahnung zu haben, wie es um die jüdischen Kenntnisse des größeren westjüdischen Leserkreises steht, daß es vollständig ausgeschlossen ist, dessen Interesse für die Sache überhaupt anders als durch diese Erleichterung zu ermöglichen und zu wecken. So erzählte u. a. eine offizielle zionistische Persönlichkeit, die ,Freistatt' finde gerade für die jiddische Abteilung ein eifriges Publikum. Daß wir die Rubrik bei einer Vergrößerung auch gerne durch einen im Original ge~ *) Diese drei Faktoren sind dem Herrn A. D. Brody natürlich vollständig fremd „Farshwyndn* nennt er daher eine „Entstellung* von „verschwinden41. Er weiß also nicht, daß der in der jiddischen Orthographie nicht existierende Unterschied zwischen „f* und „v14 (-f) auch nicht in die Transkription eingeführt werden kann; daß das „e* in wver" eben nicht „e*t sondern „a" gesprochen und in guter Orthographie auch so geschrieben wird; daß wsh" als ein etwas einfacheres Zeichen gewählt wurde, um niemanden etwa durch ein Z zu erschrecken; daß 9iu in „schwin" im zweiten Hauptdialekte des Jiddischen als „u" gesprochen wird, beide Laute daher unter dem neutralen Zeichen „y" (nicht wie deutsches *fi" auszusprechen!) zusammengefaßt werden, — „farshwyndn" heißt nämlich „verschwunden" und nicht „verschwinden"; schließlich daß das „eK in „schwinden'* im Jiddischen wie im Deutschen stumm ist, und das „n** die silbenbildende Funktion ausübt. — Es erübrigt sich wohl, das von Fehlern wimmelnde „genau nach dem Jiddischen" dort gebrachte Beispiel („Ich sing — dus singen is1 mein Ziel Un Jeder lied is* a gefihl".) zu zerpflücken»

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