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Die Freistatt · 1913-10-08 · Heft 6-7 (8.10.1913) · p. Seite 410

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 6-7 (8.10.1913)
Article
Sprachkuriosa vom Kongresse
Date
1913-10-08
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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Vom jüdischen Leben und Schaffen 409 Schade, daß Herr Ussischkin den armen ,Jargon" zu sehr verachtet, um auch nur Witze über ihn zu machen. Ich hätte sonst Gelegenheit, ihm durch seine sachverständigen Freunde einen ähnlichen Rat, nur natürlich in Hinblick auf sein „Hebräisch", erteilen zu lassen. So bleibt mir leider nur eine anerkennende Feststellung übrig, — nämlich die, daß es, mit der gewissen Kasernenhof-Energie, mit der er es dröhnen läßt, und in der aschkenasischen Aussprache, die er, gegen alle gute neue Sitte, beibehalten hat, gar nicht so übel klingt Das ist etwas, was ich 2. B. von B i a 1 i k s sonst natürlich einwandfreiem Hebräisch nicht behaupten kann. Die Rede, die er in der feierlichen Schlußsitzung des Kongresses hielt, war nichts weniger als eine Ohrenweide. Es war ein Jammer, den Dichter anzusehen, der alle seine Gedichte im aschkenasischen Rhythmus geschrieben hat, und es nun plötzlich für nötig hieit, sich in den selbstangelegten Fesseln der sephardischen Aussprache verzweifelt zu winden. Es war ein Jammer, ihn anzuhören, sein hämmerndes Leiern am Anfange, und wie er dann bald die Aussprachen und Akzente durcheinanderwirrte, so daß Wort nicht zu Wort, Silbe nicht zu Silbe paßte. Nun, er mag sich bei seinen weisen Wegweisern bedanken. Die hebräischen Theatervorstellungen, die in der Kongreßzeit in Wien stattfanden, habe ich mir nicht angesehen, doch kann ich beteuern, daß ich es nicht etwa aus prinzipiellen Gründen unterließ. Warum sich aber auch so viele andere abhalten ließen, wie man mir erzählte, weiß ich natürlich nicht. Sollte die Ursache in mangelnden hebräischen Sprachkenntnissen gelegen haben, so war das Opfer unnötig. Denn ebenso gut hätten dann auch so manche von den darstellenden Kräften zu Hause bleiben müssen . . . ♦ Für das entbehrte hebräische Theater entschädigte mich übrigens etwas anderes, wohl nur eine Kleinigkeit, aber voll tiefen Sinns; Eine hebräische Schuhputzschachte], die ich bei einem Hausierer vor dem Kongreßgebäude erstand, und die ich nun zum ewigen Gedächtnis aufbewahre, — bereit, sie jedem zu zeigen, der sie sehen will. Im ersten Augenblicke glaubte ich es mit einem palästinensischen Erzeugnis zu tun zu haben, um so mehr, als es sich als „Libanon" bezeichnet, und auf dem Deckel das Jaffaer hebräische Gymnasium abgebildet ist Ein weiterer Blick aber belehrte mich bald, daß das niedliche Schächtelchen gar nicht aus Palästina kommt, sondern aus — Horodenka, d. h. aus Galizien, dort wo es am galizischesten ist. Arme hebräische Gebrauchsanweisung; wer kann dich dort lesen? — dachte ich zuerst Gleich darauf aber begriff ich: Exportware für den Kongreß! Freilich, der Export aus Czernowitz, das gar nicht weit von Horodenka liegt, gefiel mir besser. Ich meine den Czernowitzer Jüdischen Männergesangverein, der nach Wien kam, um vor den Kongreßgästen zu konzertieren. Wie dankbar war ich ihm, daß er mit seinen machtvollen althebräischen Gesängen und mit seinen innigen jiddischen Liedern etwas wahre und reine jüdische Stimmung in diese hebraistisch verhetzte Atmosphäre brachte! Welche Genugtuung für mich, zu sehen, wie z. B. unter dem Eindruck von ,,Dem milners trer'n" selbst die Verbohrtesten unter den Kulturdrechslern wieder in ihren echtesten jüdischen Instinkten aufgerüttelte Juden wurden!

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