Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Spaniolischer Aufstieg?
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 406 (sequence 2)
- Language
- German
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Vom jüdischen Leben und Schaffen. 405 man mühelos die seelische Grundstimmung dieser verwestlerten Spaniolen kennen lernen kann. Herr David Pardo legt da folgende Bekenntnisse ab: „Bei der rasch fortschreitenden Entwicklung der kleinen Balkanvölker fanden sich die kulturell inferioren Sephardim (!) plötzlich unter dem Einfluß überlegener Kulturen, die ihre eigene Kultur verschlangen. Ein Hauptgrund, weshalb sich die jüdische Eigenart gegenüber den Fremdkulturen nicht behaupten konnte, war der Mangel einer nationalen Sprache. (!!) Spaniolisch ist keine literarische Sprache, sondern nur eine Sprache des alltäglichen Lebens,*) und ihr elendes, gedrücktes Dasein (!) hat den Geist der sephardischen Juden so unfruchtbar werden lassen, daß längst schon keine spaniolische Literatur mehr geschaffen worden ist. „Die spaniolische Sprache muß mit Notwendigkeit untergehen und wird in 40 bis 50 Jahren gänzlich verschwunden sein." Das ist Geist aus Pasmaniks Pamphleten wider das Volk. Dazu die typischen Oberflächlichkeiten zionistischer Denkart: Weil die der Masse entfremdeten Sephardim, die an der Beratung teilnahmen, nicht mehr an die Zukunft des Ladino glauben (auch hierin übertreibt Pardo), geht diese Sprache unter. Aehnlich beweisen zionistische Agitatoren den Sprachtod des Jiddischen. Jüngst noch stand es in einem Schweizer Wochenblatt: Der Untergang des Jiddischen sei evident Beweis: Die Kongreß- Delegierten aus Rußland sprechen es nicht mehr!! Herr Pardo ist aber etwas konzilianter als die hebraistischen Fanatiker. Er will das Ladino gelten lassen — soweit man mit ihm zionistische Propaganda treiben kann, „Natürlich werden wir seinen Untergang nicht zu beschleunigen suchen, aber auch nichts für seine Erhaltung tun/' „Die einzige Analogie zwischen Ladino und Jiddisch besteht darin, daß beide, wenn auch in verschiedenem Tempo, untergehen werden. Unser Ladino verschwindet, sobald es von einer stärkeren Kultur verdrängt wird; anstatt die Sprache unseres Wohnlandes an seine Stelle treten zu lassen und uns damit der Gefahr der Assimilation auszusetzen, müssen wir also bestrebt sein, die spaniolische Sprache allmählich durch die hebräische zu ersetzen. Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die spaniolische Sprache zum Untergang bestimmt ist, sollte man sich ihrer in Zukunft nur als Werkzeug zur Propaganda des Hebräischen bedienen . . . Man kann sich denken, was für Schaden eine derart zionistisch und hebraistisch verwirrte Intelligenz unter den sfardischen Massen anrichten kann. In ihrem impotenten Rationalismus werden sie alle ehrlichen Versuche zur Gegenwartsarbeit, zur Verstärkung der spaniolischen Positionen zur organischen Fortentwicklung des ehrwürdigen sfardischen Kulturguts durchkreuzen. Und ich weiß nicht, ob diese zionistischen Versuche, auch hier altjüdische Kultur und zum Licht drängendes Golusleben zu Grabe zu tragen, unter den Sfardim *) Seltsam, daß fast die gesamte sfardische Tagung in dieser elenden gedrückten Sprache stattgefunden hat. Dabei standen hier so erhabene Gegenstände wie Zionismus, Hebraismus, Renaissance u. s, f zur Diskussion. Seltsam auch, wie ungezwungen selbst unter diesen Entjudaisierten sich das Spaniolische sprach* Hier merkte man nicht das wortsuchende Gewürge, das einen bei HebraistenVersammlungen zur Verzweiflung bringen kann. Es kann also mit der Unbrauchbarkeit des Sfardischen für nicht alltägliche Dinge nicht ganz so weit her sein, wie Pardos Totengräberphantasie es schildert-