Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Aus der Berliner jüdischen Gemeindebibliothek
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 403 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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402 Vom jüdischen Leben und Schaffen Berliner Bibliothek. Sie hat ein ziemlich spärliches Stammpublikum, unter ihnen noch obendrein viele Oestier der Intelligenzschichten. (Die etwas mehr frequentierte belletristische Abteilung, in deutscher Sprache, kommt ja hier nicht in Betracht) — Doch der wichtigste hier zur Geltung kommende Standpunkt ist der, daß eine größere Bibliothek auch die wissenschaftliche Pflicht einer gewissen Vollständigkeit, über die Bedürfnisse des durchschnittlichen Leserkreises hinaus, hat. Solche Erwägungen können von den Betreffenden natürlich nicht erwartet werden. Was bisher in dieser Richtung Positives geschehen ist, dürfte ziemlich unbewußt vor sich gegangen sein. Es ist bezeichnend für den Ueberblick, mit dem die jiddische Abteilung der Berliner Bibliothek geleitet wird, daß u. a. die gesammelten Werke Mendales nicht vorhanden sind. Von einem verständnisvollen Verfolg der Entwicklung der jiddischen Literatur in nicht aUzugroßem zeitlichen Abstand kann vollends keine Rede sein* Seit einiger Zeit liegen im Lesesaal ein paar Dutzend jüdischer Zeitungen auff meist in deutscher, der Rest in englischer, französischer, hebräischer Sprache. Keine einzige in jiddischer. Als einst der Wunsch nach einer solchen von einem Leser im Desiderienbuche vorgebracht wurde, konnte man dort bald die Antwort der Bibliotheksverwaltung lesen. „Für Jargonblätter haben wir kein Publikum." Das ist richtig. Ostjüdische Besucher aus dem Volke, die für ein jiddisches Tageblatt, um das es sich handelte, hauptsächlich in Betracht kommen, sind in der Berliner jüdischen Gemeindebibliothek nicht zu finden. Sie fühlen sich wohl von der Berliner Jüdischkeit nicht besonders angezogen. Und die Gemeinde will ihren Lesesaal vielleicht auch gar nicht allzusehr mit polnischen und russischen Juden füllen, noch dazu durch Vermittlung von „Jargonblättern"! So etwas wäre für sie wahrscheinlich eine zu innige Verbindung von jüdischem Leben mit ihrer Bibliothek. Da ist die Verbindung mit dem deutsch jüdisch-wissenschaftlichen Leben viel angenehmer und bequemer . . . Nebenbei: Wer bildet denn in der Bibliothek das Publikum für die hebräischen, ausnahmslos ostjüdischen Blätter? Ich glaube nicht, daß diese von deutschen Juden stark abgenützt werden. Daraus kann man ersehen, daß die Stellung zu den beiden Sprachen des Ostjudentums keine ganz einheitliche ist. Die Gründe hierfür sind nicht schwer einzusehen. Sonderbar sind auch die Bezeichnungen der jiddischen Sprache im Zettelkataloge der Bibliothek. Bei sehr vielen jiddischen Werken ist die Sprache nicht angegeben, die übrigen sind als im „jüdischdeutschen Jargon", im „Jargon" oder „jüdischdeutsch" geschrieben verzeichnet. Es fehlt also die Einheitlichkeit der Terminologie, die einfachste wissenschaftliche Aufgabe bei der Ordnung von Tatsachen der nämlichen Art. Bei einen großen Anzahl von Büchern steht einfach der jiddische Titel in deutscher Uebersetzung dabei, als wäre er die Transkription des Originals. Wo wirklich eine solche vorgenommen wird, dort wird ihr elementarster Grundsatz nicht beachtet, daß sie sich nämlich möglich genau an Sprach- oder auch Schriftbild der wiederzugebenden Sprache anzuschließen hat So kann man in diesem Kataloge „bletlech" als „Blätter", „momenten" (sprich momentn) als „Momente", „fyn" als „von", „werk" als „Werke", „repeticje" als „Repetition" wiedergeben sehen, wenn dies vielleicht nicht als Uebersetzung gemeint ist, was bei den