Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Der Untergang jüdischer Gemeinden
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 368 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Benzion Rubstein, Der Untergang usw 367 Dies zeigt deutlich, daß einige der böhmischen und mährischen städtischen Zentren im Laufe der letzten 20 Jahre in gewissem, wenn auch nicht bedeutendem Maße die Anziehungspunkte für die jüdische Bevölkerung der kleinen Städte und Dörfer darstellten. Um die Rolle der Emigration in der Entwicklung der jüdischen Bevölkerung von Böhmen und Mähren kurz zu formulieren: Die Emigration trägt ebenfalls zur absoluten und relativen Abnahme der jüdischen Bevölkerung bei. Sie wird aber hauptsächlich von zerstreuten und vereinzelten und infolgedessen kulturell unverwendbaren jüdischen Elementen gespeist, die ohnehin zur nationalen Assimilation verurteilt sind. Dagegen hat die Emigration die nach böhmisch-mährischem Maßstab größeren jüdischen Gemeinden, die irgendwelchen nationalkulturellen Schaffens fähig sind, bis jetzt nicht berührt. Direkt schwächt sie die kulturellen Kräfte der böhmisch-mährischen Judenheit nicht und kann daher nicht als negativer nationalkultureller Faktor betrachtet werden. Eher als positiver, insofern sie nämlich die vereinzelten jüdischen Partikelchen sammelt, um aus ihnen in den Einwanderungsländern starke und kulturfähige jüdische Zentren zu bilden. Wir gehen zum dritten Faktor für die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung über — zur Assimilation. Die Juden sind als nationale Minderheit überall dem assimilierenden Einfluß der herrschenden Majoritätsbevölkerung unterworfen. Aber in keinem Lande mit großer jüdischer Bevölkerung ist die Assimilation so stark wie in Böhmen und Mähren. Es ist leider unmöglich, die Größe des Schadens, den sie uns zufügte, festzustellen. In dieser Hinsicht sind nur mehr oder weniger wahrscheinliche Vermutungen möglich. Die amtliche Statistik verzeichnet für das letzte Jahrzehnt eine Vermehrung der Konfessionslosen auf 14 640, wovon 9310 auf Böhmen entfallen. Man könnte das für die Folgen der Los-von-Rom-Bewegung halten, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrzehnts begann und tatsächlich viele Austritte aus der katholischen Kirche verursachte. Aber die kirchliche Statistik zeigt, daß fast alle, die infolge dieser Bewegung den Katholizismus verließen, zum Protestantismus übergingen (worin doch eigentlich der ganze Sinn der Bewegung gegen den Katholizismus lag). Uebrigens ist zu bemerken, daß die Konfessionslosigkeit in Böhmen sogar in Bezirken bedeutende Eroberung machte, die ganz slavisch sind, wie Kladno, Jungbunzlau, Schlau, Nachod, Laun, Semil, Zizkov u. a., wo diese alldeutsche Bewegung bei der slavischen Bevölkerung selbstverständlich keine Sympathie fand. Womit soll man nun das ungeheure und sprunghafte Wachstum der Konfessionslosen in