Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 6-7 (8.10.1913)
- Article
- Die jüdische Farmerbewegung in Nordamerika
- Date
- 1913-10-08
- Page
- Seite 357 (sequence 2)
- Language
- German
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356 Dr. K» Farnberg, Die jüdische Farmerbewegung usw blizistik von den wahrhaft großen Taten des schaffenden Volkes das Wichtigste (z* B. die Existenz einer jungen, 25 000 Menschen starken jüdischen Bauernschaft) ungestraft unterschlägt oder auf eine nicht qualifizierbare Weise („Die Legende von der ostjüdischen Kultur"!) fälscht, während sie palästinensische Unterbilanzen mit durchaus unjüdischem Tamtamgeschläge und tönenden Worten als gewaltiges nationales Kulturgut herausputzt. Vielleicht auch beginnt der oder jener, den die Verelendungstheorie dem Zionismus zutrieb, zu ahnen, daß im „Gallith" auch noch einiges Leben und für den Schaffensfreudigen noch Aufgaben und Probleme zu finden sind. F. M. K- Die ersten Versuche: Kaum daß anfangs der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts die ersten ostjüdischen Emigrantenscharen in den Vereinigten Staaten anlangten, versuchte die jüdische Philanthropie diese Massen durch großzügige Kolonisation über das ganze Land hin zu zerstreuen. Diese Versuche schlugen fehl, weil den Philanthropen alles an der Dezentralisation, weniger aber daran lag, ob sich auch die Objekte ihrer seltsamen Politik sachgemäß als Bauern einordneten. Noch im selben Jahrzehnt stürzte das gesamte Kolonisationswerk zusammen. Noch heute aber wirkt in jüdischen Kreisen jener Irrtum nach, der den ersten Kolonien so verderblich wurde: der Glaube, als käme alles auf die Billigkeit des Bodens an, den die Regierung ja oft genug ohne Entgelt loszuwerden sucht. Nach den Mißerfolgen dieser ersten Kolonisation wissen wir, daß solcher Urboden durch die vielen Aufwendungen, die er nötig macht, viel teurer kommt als bestes Kulturland, und daß gutes Klima und die Nähe von Absatzgebieten, ganz besonders von jüdischen Zentren, alle Wohlfeilheit der Regierungsparzellen aufwiegen. So heißt es denn auch in einem Bericht der nordamerikanischen Immigrationskommission an den Kongreß: „Heute gibt die Jüdische Agrikulturgesellschaft zu, daß es unmöglich war, im Ackerbau unerfahrene Juden auf billigem Urboden künstlich zu Bauern zu machen. Bei der Besichtigung mehrerer jüdischen Kolonien hat es sich deutlich herausgestellt, daß der Jude sich nicht zum „Pionier-Farmer" eignet." Auch dies ist bemerkenswert: Die drei Kolonien Alliance, Rosenheim und Karmel, die allein sich halten konnten, trotz allen Krisen, und trotzdem in den ersten sieben Jahren Kolonisten wie Unterstützungsgesellschaften wechselten, liegen sämtlich nahe bei jüdischen Zentren im Süden von New-Jersey* Hier ist zum erstenmal der Versuch gemacht worden, Industriedorf und Kolonie zu vereinen — sicher nicht zum Vorteil für den Stand der Kolonien* Ein ähnlicher Versuch wurde zehn Jahre