Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Ch. N. Bijalik. Poez[i]e͏̈ (Lider yn poeme͏̈n). Farlag "Progres". Warshe͏̈ 673 [Rezension]
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 334 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherbesprechungen 383 schmied' dir ein Herz, du Mensch — und komm! In die Stadt des Schlachtens —" Unbefolgbar ist er beim Anblick des Blutes und der Ruinen, in denen gestern „Feuer und Axt Bluthochzeit" feierten, während Gott bei Frühlingsglanz und Sonnenschein dem Morden zusah . , . Und Gott gesteht danach den Märtyrern seine Armut ein; Ich kann euch euren Lohn nicht geben; „bin selber arm, wie ihr verarmt!" Und beim Flehen des Volkes um Vergebung bricht er aus: „Was bitten sie? Wo ist die Faust, wo ist der Blitz, der diese Welt zertrümmert, die Himmel spaltet und meinen Güttesthronsitz niederwirft? . . Aus diesem Inferno von Tod und Pein scheiden wir mit den Worten: „Flieh1, Mensch, für immer! In Wüste und in Oede fliehe — in den Wahnsinn!" — „Das letzte Wort" ist eine grauenhafte Wanderung durch Seelenwüsten. Gott kann das versteinerte Leid und die tränenlose Not des unglücklichen Volkes nicht mehr ertragen und sendet den Propheten, zu retten, zu helfen und zu trösten. Doch „Gottes Hand wird zurückgestoßen". Da spricht Gott: Knechte sollt ihr bleiben! Kein Tropfen Lichtes soll euch werden! Ewig sollt ihr schmachtenI Jegliches Gefühl will ich euch rauben! Kein Seufzer, keine Träne wird in eurem Herzen bleiben . . . Eine lange, sternenlose Nacht wird euer Leben werden . . , Und das Gedicht schließt: Yn Got zügt mir: — Ict gej arüp Cym tepers ho uz yn kojf a top, Yn ty a worf yn züg derbä Shtar'k hojch, az jederer zol her'n: „ A z o j w e t i r cybrochn wer'n!" Yn red nit mer, nit wejn, nit shra, Bejg ün dem kop yn wer farshtymt-- Es gejt der tüg, er kymt, er kymt . . . [Und Gott sagt mir: — Jetzt geh' hinab zum Töpfer, kaufe einen Topf und wirf ihn hin und sprich dabei, sehr laut daß alle es verstehen: „So sollt ihr brechen und vergehen!" Dann schweige still und senk' dein Haupt, und sprich nichts mehr, nicht wein', nicht klag' — es naht, es naht — es kommt der Tag . . . .] Aus dieser kurzen Darstellung läßt sich natürlich nicht die Gewalt der beiden Poeme ermessen, die wohl an jene der Propheten erinnern kann. („Erinnern", denn sie hat andern Wurzelgrund als die der Propheten.) Die Gewalt seines Zornes ist die Gewalt seiner Verzweiflung und seines Leides- Diese beiden sind der Kern seines Wesens, der überall zum Vorschein kommt. VergL z. B. die Gedichte: „Tiefer aus dem Herzen möchte ich weinen", „Würde gerne wissen, wie mein Tod einst sein wird" u. a. Glücklich preist er den, „der eure (des jüdischen Volkes) Tränen, die heiligen zweitausendjährigen Tränen verewigt". Manchmal allerdings tritt das nationale oder individuelle Leid zurück, und die Verzweiflung mildert sich zu elegischen und weichen Stimmungen, namentlich in den Naturgedichten und in den aus Naturstimmungen erwachsenden Gedichten :