Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Noch einmal Ost- und Westjudentum
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 315 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119807-3120549--0541-3120662- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
314 Mathias Acher, Noch einmal Ost- und Westjudentum. Noch einmal Ost- und Westjudentum, Von Mathias Acher. Es ist nicht leicht und nicht jedermanns Sache, Beziehungstatsachen des gesellschaftlichen Lebens zu erkennen. Vielmehr ist jede solche Tatsache auf den einzelnen, der gerade für sie, d. h. für ihre Herausschälung aus dem Wulst der Erscheinungen vorgeeignet ist, angewiesen. Und hat sie ihn gefunden, so ist sie auch dann noch lange nicht allgemeines Erkenntnisgut. Denn ihr erster Erkenner muß sie ja zunächst mitteilen und ist hierin ebenso wie seine Adepten in erster, zweiter, dritter usw, Gedankengeneration durch innere und äußere Umstände beschränkt. Einerseits sind es die eigenen Unzulänglichkeiten aller dieser Verkünder und Verbreiter, die sie nur langsam vorwärtskommen lassen. Andererseits stellt sich ihnen allerlei „Tücke" des lebenden und toten Objektes, die erst überwunden sein will, entgegen. Und so dauert es sehr lange, bis auch die Schwerfälligsten und Widerwilligsten unter den Beobachtenden und Urteilenden in den Kreis der Erkennenden und Anerkennenden einbezogen sind. Das Tempo dieser Langsamkeit, dieses mühseligen Vorschreitens zwischen verschlossenen Festungen, auf Abwegen und Umwegen, bei unaufhörlichen Rückschritten, ist natürlich nicht überall das gleiche. Es gibt bessere und schlimmere Fälle. Die schlimmsten aber kommen wohl auf jenem Gebiete vor, auf dem sich eine ungewöhnliche Buntheit der Entwicklung, eine beispiellose Denkentwöhntheit oder auffallend abstrakte Denkweise gegenüber den Vorgängen und Problemen des gesellschaftlichen Lebens, endlich eine fanatische Empfänglichkeit für das Schlagwort zu gemeinsamer Störungs- und Verzögerungsarbeit vereinigen: dem Gebiete der jüdischen Arbeit und ihren Theorien. Und an keinem Falle ist mir dies klarer geworden, als an der Erkenntnistatsache, die den Gegensatz Ost- und Westjudentum zum Inhalt hat. Gewiß, gerade diese Erkenntnis ist noch verhältnismäßig jung. Dafür aber ist unverhältnismäßig viel geschehen, um sie möglichst weit zu tragen und sie von keiner Seite aus im Zwielicht zu lassen. Einerseits sind selbst diejenigen, denen sie am unbequemsten sein muß, durch die Eindringlichkeit der Lehre und mehr noch durch die Macht der Verhältnisse genötigt worden, ihre Propaganda zu besorgen. Andererseits hat man sich wahrlich nicht damit begnügt, eine nebelhafte Phrase in die Welt hinauszuposaunen, sondern die zeitlichen, ursächlichen, sachlichen und Wirkungsgrenzen des fraglichen Gegensatzes sind sorgfältig