Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Organisierung der jüdischen Kulturarbeit im Westen
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 314 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119807-3120548--0539-3120661- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Silberroth, Organisierung der jüdischen Kulturarbeit usw. 313 und Schaffung eines Zentralverbandes würde eine Oekonomie der Kräfte und Mittel bewirkt, die die Tätigkeit dieser Einzelvereine in höchstem Maße befruchten müßte. Was von dem Perezbeispiele gilt, trifft auf alle Unternehmungen zu, die die Bereicherung des nationalen Lebens im Golus, die Erfüllung des jüdischen Familienlebens mit Jüdischkeit zum Ziele haben, von einem gesunden nationaljüdischen Volksschulunterricht angefangen, bis zur Schaffung eines in künstlerischem und nationalem Sinne vollkommenen Theaters. Warum sollte nicht ein gut Teil der schönen Arbeit, die zu leisten der in Zürich geschaffene Zentralverband osteuropäischer Studentenvereine in Westeuropa auf sein Programm gesetzt hat, auch für die jüdische Masse getan werden, deren kulturelle Not eine geradezu himmelschreiende ist? Analphabeten- und Sprachkurse, Abendschulunterricht in Mathematik und Naturwissenschaften, Märchenvorlesungen für die Kinder, Spiel- und Arbeitsheime für ihre schulfreien Nachmittage, Tee- und Lesehallen, Wanderbibliotheken, ein Wandertheater, billige Lektüre, Dichterrepräsentationen usw., ein unermeßliches Tätigkeitsfeld für eine geschickt geleitete Zentrale, ein reiches Programm für einen starken Willen. Wieviel, allzuviel haben wir diskutiert und wie wenig noch getan?! Der Gedanke der Gründung eines Zentralverbandes zur Verbreitung jüdischer Kultur und Bildung in Westeuropa ist nicht neu; seine Verwirklichung aber stieß auf ein Hindernis: die Monopolisierung der Bildungsarbeit durch die einzelnen Parteien, die alle kulturellen Bemühungen der gegnerischen unter teils gerechten, meist aber von Rücksichten der Parteikonkurrenz diktierten Vorwänden als „reaktionär" verschrien und boykottierten. Soll zu einer von Voraussetzungen einer politischen Klique freien Kulturarbeit geschritten werden, so ist erste Bedingung, daß dieser wichtigste Zweig jüdischer Volkstätigkeit aufhört, ein verderbliches Instrument im Dienste verantwortungsloser Propaganda selbstischer Interessen einer politischen Koterie zu sein. Schalten wir die politische Interessenvertretung unserer volkstümlichen Kulturarbeit aus, und fangen wir endlich an, ohne Rücksicht auf die Zugehörigkeit zur Partei, die die Fragen der ökonomischen Judennot beantworten will, gemeinsam zur Steuerung der kulturellen beizutragen! Fordern wir nicht das Unmögliche, und wir werden wenigstens das Mögliche tun können. Das „Wie" zu erörtern, ist heute nicht wichtig. Wo ein Wille, ist auch eine Tat.