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Die Freistatt · 1913-08-22 · Heft 5 (22.8.1913) · p. Seite 296

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 5 (22.8.1913)
Article
Die jüdische Kolonisation in Palästina
Date
1913-08-22
Page
Seite 296 (sequence 1)
Language
German
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I. Lewin, Die jüdische Kolonisation in Palästina. 295 Die jüdische Kolonisation in Palästina. Von I. Lewin* Man kann der zionistischen Presse sehr schlimme Dinge vorwerfen, nur das eine nicht: daß sie ungeschickt arbeite. In ihrer Berichterstattung über jüdische Dinge besitzt sie bereits heute so etwas wie eine feste, sakrosankte Tradition, die weniger in dem Beachtung verdient, was sie bringt, als in dem, was sie verschweigt Selten, daß sich einmal eine unverzerrte Darstellung der im „Galuth" schaffenden Kräfte in ihre Spalten verirrt. Warum soll man auch die schöne „Untergangstheorie", dies notwendigste Requisit in der dürftigen Weisheit der Parteisekretäre und der übrigen „Theoretiker", für das die Brüder von Westen so empfänglich waren, der reinen Wahrheit wegen preisgeben? Der Zionismus ist nicht umsonst eine durch und durch „politische" Bewegung, hat sich nicht umsonst die Allüren der Politik angeeignet, als es mit den politischen Erfolgen nicht so recht glücken wollte. Der Politik aber ist die reine Wahrheit von jeher ein sehr entbehrlicher Luxus gewesen. Und erst die Wahrheit über Palästina! Die scheint dem Bruder von Westen nicht recht zuträglich zu sein; wenigstens tut die zionistische Publizistik seit ihrem Bestehen das Menschenmögliche, um ihn vor der Ernüchterung zu bewahren. Sie hat für Palästina eine ganz besondere Technik der Lichtbildnerei ersonnen, deren sich der selige Herr Potemkin nicht zu schämen brauchte. Allwöchentlich fast werden den Gläubigen lokale Sächelchen und Geschichten aus Palästina zu großen Ereignissen der jüdischen Geschichte herausgeputzt Die Aufmachung, in der das geschieht, ist hyperamerikanisch, und bedient sich der grellsten Beleuchtungseffekte. In tiefem Dunkel und eisigem Schweigen versinken die mißlichen Zustände der palästinensischen Judensiedlung — und in diesem fortgeschrittenen 20. Jahrhundert taucht in blendender Helle das neue Land Utopia auf, das Dorado für alle, die in müßigen Stunden und auf eine moderne Manier das jüdische Volk beglücken wollen. Unsere Nachfahren werden sich dereinst ungläubig fragen, ob es Juden waren, die aus dem Nichts und einigen billigen Lichtbilderserien sich dies Phantom von geschäftigen Händen herzaubern ließen. Es ist zur unaufschiebbaren Aufgabe geworden, zugleich mit der Legende von dem untergehenden „Galuth" aufzuräumen mit jenem plumpsten Aberglauben an die palästinensische Utopie, an ein Land Palästinat das, allen wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Problemen entrückt, das ersehnte Gebiet wäre für jüdische Reinkultur, für eine abgeschlossene jüdische Eigenwirtschaft, oder wie immer sich das die Phantasie der guten Schekelzahler ausmalt. Jene unselige Verkuppelung der großen Ewigkeitsprobleme des jüdischen Volkes mit den lokalen Fragen und kleinen Nöten zwerghafter jüdischer Siedlungen in Palästina muß

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