Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 5 (22.8.1913)
- Article
- Über Zionismus und jüdische Kultur
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 289 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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288 B. Locker, Ober Zionismus und jüdische Kultur. der Kongreß seinen Willen aus, der Kulturarbeit in Palästina, speziell dem Schulwesen, seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Der zweite Teil besagt, der Zionismus erstrebe „nicht nur die ökonomische und politische, sondern auch die geistige Wiedergeburt des jüdischen Volkes", und schließt mit dem Satze: Der Zionismus unternimmt nichts, was dem Religionsgesetze des Judentums widerspricht Man sieht, der moderne Zionismus ist in der Kulturfrage seiner Zeit nicht vorausgeeilt Er hatte nicht die geringste Ahnung von den verborgenen Lebenskräften, die in den großen jüdischen Massen des Ostens schlummerten und gerade in den ersten Jahren des politischen Zionismus sich mächtig zu rühren begannen. Dann und wann schien es, als beginne der Zionismus das historische Werden um ihn zu begreifen, als erfasse der zionistische Gedanke die ersten leisen Schritte der herannahenden neuen Epoche im Leben der zentralen Massen, — auf dem fünften Kongreß (1901) spricht Martin Buber in seinem Kulturreferate von der Bedeutung der „Jargondichtung" für die jüdische Renaissance. Aber es blieb dabei. Der Kongreß hörte ja so gerne Hymnen über alles Jüdische, warum hätte er hier widersprechen sollen? Hätte der Zionismus damals aufmerksam auf den Puls des Volkslebens gelauscht, hätte er es versucht, die sich ankündigende Umwälzung im Leben und Fühlen der jüdischen Massen vorauszuempfinden, hätte er es sich zur freudigen Aufgabe gemacht, dem beginnenden Erwachungsprozesse die Bahn vorzubereiten, so hatte er zweifellos die dominierende Stellung im jüdischen Leben errungen, die er seit seiner Entstehung anstrebt und nicht erringen kann; er hätte eine wahre Volksbewegung werden können. Daß es anders gekommen ist, mag man im Interesse des Zionismus bedauern; ein Vorwurf kann ihm daraus doch nicht gemacht werden. Aber man hätte erwarten können, daß der Zionismus wenigstens mit der Entwicklung im jüdischen Leben gleichen Schritt hält, daß er den Sinn des historisch Gewordenen begreife, wenn es ihm nicht beschieden war, das Werden und Keimen zu schauen. Es ist leider wieder anders gekommen. Wie in vielen Fragen des ostjüdischen Lebens, so auch in der Kulturfrage wurde der Zionismus von seinen bourgeoisen, volksfremden Wortführern und Anhängern in die Rolle des unfruchtbaren Negierens und Zweifeins hineingedrängt, die recht oft blinder Feindseligkeit Platz macht. Sollte für diese Behauptung ein dokumentarischer Beweis notwendig sein, so sei es gestattet, die Resolutionen hier wörtlich