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Die Freistatt · 1913-07-15 · Heft 4 (15.7.1913) · p. Seite 259

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 4 (15.7.1913)
Article
Die ostjüdischen Studenten im Westen
Date
1913-07-15
Page
Seite 259 (sequence 2)
Language
German
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258 Vom jüdischen Leben und Schaffen normale Differentiation zu stören. Für den letzteren Prozeß, den der Vermittlung zwischen Westen und Osten, ist nun eine Gruppe neuer Vermittler erstanden, der eine große Rolle beschieden sein könnte. Die westliche Judenheit ist sich noch nicht klar darüber geworden, welche jüdischkulturelle Bedeutung für sie die in ihrer Mitte lebende ostjüdjsche Studentenschaft erlangen kann. Wir besitzen zwar keine genauen statistischen Angaben über diese — eine Enquete ist gerade im Werden —, doch ist es sicher, daß jetzt mehr als 10000 ostjudische Studenten überall im Westen zerstreut leben. Die russische Hochschulpolitik wird auch weiterhin dem jüdischen Studenten aus Rußland den Wanderstab in die Hand drücken, zu denen dann noch die Studenten aus Galizien, der Bukowina und Rumänien hinzukommen. Könnte mit dieser Schar nicht eine engere Verbindung zwischen Ost und West hergestellt werden? In diesem Zusammenhang muß zunächst vom Intelligenzlerproblem die Rede sein. Die Intelligenzler bilden keine soziale Klasse für sich, sondern setzen sich aus Bruchteilen anderer Klassen zusammen, deren Ideale und Bestrebungen auch die ihren sind. Das gemeinsame berufliche Moment ist sekundärer und — wenn von der akademischen Intelligenz die Rede ist — temporärer Natur. Solange in Rußland die höhere Bildung ein Privileg der bürgerlichen Kreise bildete und die Volksmassen überhaupt nicht zu Worte kamen, blieb die jüdische Intelligenz die Bannerträgerin der Assimilation- Die Formen waren anders wie im Westen, dem Wesen nach war es Selbstentfremdung vom Volke oder sogar bewußte Entfremdung des Volkes von allem, was — jüdisch ist. So sah es auch unter der im Westen studierenden Jugend aus. Das alles hatte übrigens seine Wurzeln noch in der Zeit, als einzelne Intelligenzler bei ihrer Rückkehr aus Deutschland die Aufklärung mitbrach* ten. Diese Generation hatte mit dem Volke nichts gemein und wollte mit ihm nichts gemein haben, verachtete sein Leben und seine Sprache, den »schmutzigen Jargon*. Leben und Wirken Gordons, Lewinsohns, Dicks wäre ein interessanter Beitrag zur Geschichte dieser Intelligenz. In den langen Jahren der Assimilationshegemonie, des Angewiesenseins auf russische Schulen und russische Literatur, des Fanatismus der .Gleichberechtigung* ä tout prix, bildete sich jener wohlbekannte sonderbare Typus des Assimilationsstudenten heraus, der des echtjüdischen „Russen\ Auch im Westen verbarger überall seine jüdische Herkunft, trat immer unter der Vorspiegelung, ein wahrer Russe zu sein, auf und bekämpfte im Namen der russischen Kultur und Literatur alles Jüdische, von dem nichts zu wissen zu einer Tugend erhoben wurde. Und jetzt — welch eine Umwälzung, die nur der richtig begrüßen kann, der diese Studentenschaft kannte. Die Assimilation der ostjüdischen Intelligenz ist in ihren Grundfesten erschüttert, denn das Volk erhob seine Stimme. Viele wurden gelockt von der Bildung und brachten neues Leben mit sich, demokratische und nationale Ideen, Und die neue jüdische Intelligenz, einschließlich der Gruppe der Studentenschaft, bestätigte die Erfahrung, daß in einer geschichtlich wichtigen Volksperiode der Intelligenz eine

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