Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 4 (15.7.1913)
- Article
- Die wirtschaftlichen Probleme der osteuropäischen Judenheit
- Date
- 1913-07-15
- Page
- Seite 215 (sequence 2)
- Language
- German
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214 Benzion Rubstein, Die wirtschaftliehen Probleme, Im allgemeinen gibt es in der modernen Volkswirtschaft keinen einzigen Zweig, dem sich irgend ein Kulturvolk durchaus nicht anpassen könnte, wenn das Leben dazu zwingt Auch die Juden sind selbstverständlich imstande, sich in jede Art Arbeit, auch in den Ackerbau zu finden. In dieser Hinsicht sind die Hunderte von jüdischen Kolonien in Rußland (es gibt in Rußland allein 216 jüdische Dörfer, meist nur kleine mit einigen Dutzenden Häusern, doch auch solche mit zahlreicher Bevölkerung, wie Ingulez, Jefejnahar, Hamanauka, Dabroje u, a., deren jedes bis 4000 jüdische Einwohner zählt), wie auch die wenigen Kolonien Palästinas und Amerikas der beste Beweis. Doch hat jedes Volk zweifellos besondere Vorliebe, Neigung oder Fähigkeit für irgend ein spezielles wirtschaftliches Gebiet, auf dem es sich auszeichnet, während es sich mit mehr oder weniger Erfolg in alten Gebieten der Volkswirtschaft betätigt So haben zum Beispiel die Chineser. besondere Vorliebe und Fähigkeit für den Ackerbau, den sie auf eine so hohe Stufe gebracht haben, daß sogar die europäische Zivilisation mit ihren genialen Entdeckungen noch heute mit ihnen nicht konkurrieren kann. Die höchste Stufe im Kunstgewerbe haben die Japaner erreicht, die Perser ragen durch ihre Teppichweberei hervor, die Bevölkerung Syriens und Mesopotamiens durch die Herstellung von Waffen, und noch ist es keinem anderen europäischen Volke gelungen, die Franzosen in der Weinkultur und in der Industrie „des feinen Geschmacks'* zu überflügeln. Diese Erscheinung — die Vorliebe und Neigung der Völker zu gewissen Wirtschaftszweigen — zeigt sich noch deutlicher in den Nationalitätenstaaten, wo verschiedene Völker in naher Nachbarschaft leben. Wir haben leider keine speziellen statistischen Untersuchungen über den Anteil der verschiedenen Völker an der Wirtschaft Amerikas. Aber sogar ein oberflächlicher Beobachter kann die nationale Verteilung in der amerikanischen Industrie beobachten. So haben z. B. die Chinesen die Wäschereien fast monopolisiert, die Italiener (teilweise auch die Slaven) die Bergindustrie, die Juden die Schneiderei usw. Sehr interessant ist in dieser Hinsicht die Untersuchung Dr. Käthe Schirmachers über den Anteil der verschiedenen Nationalitäten am Arbeitermarkt des „internationalen" Paris*). Es zeigt sich, daß nicht nur ganze Wirtschaftsgebiete von verschiedenen Nationalitäten besetzt werden, sondern daß auch oft innerhalb einzelner Gebiete eine Teilung nach Völkern eintritt Im internationalen Industriezweig von Paris, im Schneiderfach, *> Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Band XXVII, Heft 1, 2, Tübingen 1908.