Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Uebersicht über die jiddische Literatur
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Moses Schalit, Übersicht über die jiddische Literatur. 177 sind so wenig in andere übersetzt, und in diesen ist so wenig über die jiddische Literatur und Sprache geschrieben worden, daß ihr wahres Wesen dem westeuropäischen Leser eine terra incognita ist. Indem er nach Gerüchten, bestenfalls nach einigen Auszügen und gekürzten Übersetzungen, urteilt, kann er sich keinen richtigen Begriff bilden und kann garnicht wissen, was mit der jiddischen Sprache und Literatur vorgeht Im besonderen der deutsche Leser und der deutsche Jude wissen zwar z. B„ daß Reinhardt Stücke von Asch aufführt, daß der „Jüdische Verlag" Perez herausgegeben hat, daß Morris Rosenfeld gut ins Deutsche übertragen ist, daß Nathan Birnbaum einige schöne Artikel über Jiddisch geschrieben hat, daß in „Ost und West" manchmal Übersetzungen jiddischer Skizzen und Novellen erscheinen, daß das „Berliner Tageblatt" und die „Neue Rundschau" hie und da in ihren Spalten etwas von einem jiddischen Künstler bringen, man weiß auch, daß Schulem-Aleichem vortrefflich zum Lachen bringt, und daß die HebraYsten einen erbitterten Kampf mit den Jiddischisten führen. Doch das alles reicht nur hin, einen nebelhaften Eindruck hervorzurufen, daß die jiddische Literatur vermutlich irgend etwas sei. Das unbedingt. Geht es ja um sie herum doch recht lebhaft zu, hört man doch manchmal von ihr und sieht doch von Zeit zu Zeit, daß ein jiddischer Schriftsteller die Anerkennung des kulturellen Europas erhält. Die Zeit ist schon vorbei, da man Jiddisch als „Jargon" ansah, der als selbständige Sprache keinen Wert habe, und dessen ganze Bedeutung nur darin liege, daß er als die Sprache des Volkes, der Volksmassen Kulturträger-Zielen zu dienen, der Volksmasse, der Plebs die Bildung näherzubringen habe. Was läßt sich tun, dachte kummervoll der einstige Maskil („Aufklärer"), wenn im Volke Finsternis herrscht, und es außer dem häßlichen „Jargon" keine andere Sprache kennt, — dann muß man ihn solange benutzen, bis Fortschritt und Kultur, bis die Landessprache herrschen wird. In der hebräischen, der heiligen Sprache schrieb man Wortgeklingel und Himmelslieder, und in der Sprache des Volkes beschimpfte man die Volkssprache. Man erfand eine merkwürdig eigenartige Terminologie: Hebräisch nannte man die „Gebieterin" und Jiddisch — die „Magd". Doch beide, „Herrin" und „Dienerin", traten ihren Platz Mendelssohn mit seinem Deutsch und später dem Russischen, der Landessprache, ab. Der Maskil, der einstige jüdische Intelligenzler, lernte Deutsch (ein Maskil ohne Deutsch ist undenkbar!) und nannte sich „Berliner". Später, als er im Laufe der Zeit einsah, wie lächerlich, unvereinbar und unangepaßt seine Lage mit der lebenden konkreten Umgebung war, wurde er klüger und