Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Assimilation
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 177 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119805-3120226--0277-3120324- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
176 Moses Schallt, Übersicht über die jiddische Literatur. gültigen Definition von Kunst zugunsten einer möglichst vollkommenen jüdischen Rasse (deren Wert obendrein ganz ausreichend durch außerkünstlerische Qualitäten garantiert ist!), das schiene mir ein Akt ideologischer Unfreiheit. Aber die entscheidende Differenz ist eben wieder, daß mein Denken nicht einen Nationalkultus, sondern den Glauben an höchst internationale, allgemein menschliche Gesetze des Geistes zum Ausgangspunkt hat Und daß ich zuerst und zuletzt ein Mensch, wenn auch unterwegs ein Jüdischer Mensch — und in ungefähr gleichem Grade ein deutscher Mensch — -sein möchte. Wer nicht von phantastischen, intellektuellen Leidenschaften, sondern vom wahrhaft erfahrenen Leben sein Gebot empfangen will, der kann in deutscher Zunge mit Wahrheit nichts anderes sagen, als daß er Jude und Deutscher ist Und ich möchte behaupten, daß diese Erkenntnis zu fassen, zu verteidigen und lebendig zu bewähren sehr viel mehr äußere und innere Schwierigkeiten macht, als in ideologischer Vereinfachung aus der so sehr komplizierten Wirklichkeit die Macht der Kultur wegzuleugnen, in deren Sprache unser Geist überhaupt existiert. Nein — „bequem" ist dies von meinem Kritiker so genannte Assimilantentum nicht; aber einigermaßen wirklichkeitstreu und wahrheitsliebend ist es. Ich kann nicht zu den Ostjuden gehen, um zu erfahren was Kunst ist, denn in Wahrheit rankt sich ja ihre ganze jiddische Literatur, wenn auch zum Teil mit stofflich originellem Gehalt, mühsam an den Formen der europäischen Kunst empor. Jene wollen in Wahrheit zu uns hinauf, — und wir sollten zu ihnen hinunter? Nein, helfen wir den Ostjuden zum Eintritt in die europäische Kulturmenschheit. Und wenn sie uns dagegen aus ihren mittelalterlichen Reservoiren der reiner gehaltenen jüdischen Eigenart, Erfrischung und Stärkung all dessen reichen wollen, was in uns jüdisch ist, so soll das ein guter Tausch sein, gut für die Juden und gut für die Menschheit, von der wir gottlob ein Teil sind! Uebersicht über die jiddische Literatur. Von Moses Schalit (Wilna). In dieser ersten einer Reihe von monatlichen Übersichten über die wichtigsten Erscheinungen der jiddischen Literatur sollen einige Worte über ihren derzeitigen Zustand gesagt werden. Dem jüdischen Leser in deutscher Sprache kann vieles auf den ersten Blick hin unverständlich erscheinen, vieles nicht genug klar oder gar unerwartet. Die Werke in jiddischer Sprache