Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 3 (15.6.1913)
- Article
- Alljüdische Probleme und der Sozialismus
- Date
- 1913-06-15
- Page
- Seite 163 (sequence 8)
- Language
- German
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162 W, Kaplun-Kogan, Geschichte der Juden usw Deutlichkeit gezeigt Das ganze bewußte und unbewußte Tun und Wollen der jüdischen Massen ist in der Neuzeit von dem Streben beherrscht, neue Entwicklungsmöglichkeiten zu erringen. Alles, was wir in den letzten hundert Jahren durchgemacht haben, ist nichts anderes als Versuche, neue, mehr zeitgemäße Positionen zu besetzen, Assimilation einzelner, Aufklärung vieler, massenhafte Wanderung, nationales Erwachen, Arbeiterbewegung, Aufschwung der Literatur, Presse und des kulturellen Volksbewußtseins, mannigfache Versuche landwirtschaftlicher Kolonisation, steigendes Verständnis unserer Massen sowohl für jüdische, als auch „fremde" staatsbürgerliche und allmenschliche Dinge, Auflösung alter Bande und allmähliche Ausbildung neuer, — das sind alles Äußerungen eines und desselben kolossalen Umwandlungsprozesses. Diesen Umwandlungsprozeß können wir als steigende Urbarmachung der jüdischen Energie und kulturelle Produktivierung der jüdischen Arbeit bezeichnen. Von diesem geschichtsphilosophischen Standpunkt bilden die jüdische Renaissance und der Sozialismus notwendige Korrelate. Die eine ist ohne den anderen unfruchtbar. Beide dienen einem Ziele: der Lösung des jüdischen Produktivierungsproblems. Denn das ist die höchste und aligemeinste unter allen alljüdischen Aufgaben: das jüdische Leben produktiv zu machen. Die Lösung ist schon von der jahrzehntelangen Entwicklung vorbereitet worden. Die wirtschaftliche und kulturelle Tätigkeit der jüdischen Massen, die körperliche und geistige Arbeit der Juden werden in der Tat immer mehr produktiv. Der ailjüdische Sozialismus umfaßt alles, was in dieser Richtung wirkt, und er wendet sich nur gegen dasjenige, was dieser großen Entwicklung den Weg zu erschweren oder gar abzusperren sucht. Geschichte der Juden in Russland und Polen. Eine Kritik von W. Kaplun-Kogan, In dem bei Q. Fock, Leipzig, erschienenen 3. Band der „Neuesten Geschichte des jüdischen Volkes" von Prof. Dr. Martin Philippson, der die Geschichte der Juden in Rußland und Polen von 1830 bis 1910 behandelt, versucht der Verfasser „die erste umfassende Darstellung" der Geschichte der russischen Juden in deutscher Sprache zu geben, ist aber m. E. weit davon entfernt Der größte Mangel des Werkes besteht darin, daß es eigentlich nur eine Aufzählung der Ausnahmegesetze der russi-