Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Die jüdischen Mädchen und "die ernsten Juden mit Selbstachtung"
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 132 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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132 Jüdisches Leben und Schaffen. so sind, wie sie sind. Nein, weil ihr so seid, wie ihr seid, verschmäht und verunziert ihr sie. Und nicht deshalb schielt ihr oder hascht ihr nach den anderen, weil sie die Natürlicheren, Unmittelbareren sind, sondern weil ihr eure .Assimilationsgelüste befriedigen'* wollt, — wie ein jüdisches Mädchen in ihrer Gegenäusserung gegen den Artikel „Mischehen" schrieb — weil die Assimilation in euch sitzt und ihr die ganzen langen Jahre eures „Nationalismus" nichts gegen sie getan und ausgerichtet habet Wäret ihr nur ungebrochene, unerschütterte, nicht von fremden Geboten beirrte, nicht von fremden Launen gestörte, nicht von fremden Wert- und Schönheitsurteilen beeinflusste, wäret ihr nur ganze, wirkliche Juden, — dann würde es euch garnicht in den Sinn kommen, die Jüdinnen zu brüskieren und euch mit Widerwillen von ihnen abzuwenden. Dann würdet ihr, ohne gegen Schäden blind sein zu müssen, das jüdische Frauentum ohne weiteres und freudig bejahen. Der jüdische Instinkt Hesse euch keinen andern Weg. Die ganze Sache wäre übrigens nicht der Rede wert» — denn das jüdische Volk und ein grosser Teil der jüdischen Intelligenz lassen sich zum Glück ohnehin nicht von den Gefühlen und Bänglichkeiten eurer »ernsten Juden mit Selbstachtung" leiten. Aber leider ist euer Degout vor den jüdischen Frauen mehr als eine vereinzelte Er* scheinung. Leider ist er ein Symptom und sein Sinn findet sich in allen euren „nationalen" Handlungen und Plänen wieder! Und wir haben es ja gehört: ,Es ist garnicht abzusehen, wohin es führen kann, wenn wesensfremde Menschen mitbestimmen, was lebendiges Judentum sein soll und was nicht". M, A. Für Mathias Acher. Der Aesthet, der Rhetor, der Buchwisser, der schwächliche Anempfinder — sie haben das Wort und wuchern so stark in den zerrissenen, westjüdischen Intelligenzlern, dass dabei der innere Künstler unsagbar gelitten hat. Es scheint fast, als wüchsen da keine Menschen mehr heran, die das unbeirrbare Gefühl haben für die gelebte, wuchtende Grösse und den stolzen, rauschenden Rhythmus der sich erfüllenden grossen Semiten, als verdürbe sich diese Jugend ihr Eigenstes und Bestes an den Schlagworten der Parteien und der jeweils im Kurs stehenden Judentumsdeutungen, als wage sie nicht ihr eigenes, ein ursprüngliches, ehrliches Wort zu sagen.-- Kaum etwas aber zeugt mir so deutlich gegen diese Jugend, als ihre Stellung zu Mathias Acher. In einer Jugend, die in solch bewegter Zeit Hand in Hand mit den Vätern geht, zu ihren Götzen betet, mit ihren Flüchen flucht, ist nur die Gebärde des Revolutionären. Es kommt mir nicht auf das Nein an, das diese Jugend zu Achers Ja sagt — wenigstens dann nicht, wenn sie sich wirklich mit ihm und seinem Wollen auseinandergesetzt hat. (Wer tat es bisher von den Alten?) Ob sie über alles Theoretische hinweg zu der überlebensgrossen Persönlichkeit, zu dem gewaltigen Künstler, dem hoheitsvollen Juden Mathias Acher vordringen kann, ob sie hierfür Organe hat, — darauf kommt es an. Wer aber mit ihm nichts anders zu tun weiss, als sein Lebenswerk einer geistreichelnden Antithese zuliebe misszudeuten, der hat geschwächte Organe, Ich hätte keinen Anlass, hier auf Hugo Hermanns „Mythus von Herzl* (Selbstwehr 25. IV. 1913) einzugehen, wenn die Situation