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Die Freistatt · 1913-05-15 · Heft 2 (15.5.1913) · p. Seite 131

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 2 (15.5.1913)
Article
Die jüdischen Mädchen und "die ernsten Juden mit Selbstachtung"
Date
1913-05-15
Page
Seite 131 (sequence 2)
Language
German
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Jüdisches Leben und Schaffen. 131 Aber dies alles ist nicht nur neu, sondern auch dankenswert. Denn während man früher mit unverantwortlichen Menschen zu tun hatte, für die niemand einstand, während man früher riskierte, ein böswilliger Feind und Verleumder gescholten zu werden, wenn man einem grossen Teil der zionistischen Intelligenz eine prononzierte Stimmung gegen die Jüdin zuschrieb, — hat man diese Stimmung jetzt schwarz auf weiss und von den so Gestimmten selbst bestätigt. Man hat endlich jemanden, an den man sich halten, den man fassen, mit dem man abrechnen kann Man hat endlich die Leute, denen man zurufen kann: Was wollt ihr von den jüdischen Mädchen? Was kerpt ihr in der Hauptsache allgemeine Gebrechen und Degenerationserscheinungen der westlich intelligentisierten Judenheit, des Bürgertums, der europäischen Zivilisation und des Weibes gerade diesen armen Geschöpfen an? Warum blickt ihr und geht ihr nicht lieber in euch? Seit wann ist der Liebesinstinkt, der in der allerletzten Weisheit der Natur, mit grossen und kleinen Illusionen wirkt, so ungeschickt geworden, dass er es selbst bei gleicher Grundverfassung der Körper und der Seelen nicht verstehen sollte, gewisse Unebenheiten zu verhüllen? Seit wann ist es die Art volksgesunder Männer, an den Frauen ihres Volkes nur herumzunorgeln, ihre idealisierenden Empfindungen aber nur an die Frauen anderer Völker zu vergeben? Seit wann sind volksgesunde Männer so instinktverlassen, dass sie nicht, — über alle Unzulänglichkeiten der Person und der Zeit hinweg, — im Weibe ihres Volkes den Genius dieses Volkes wittern und wählen sollten? Und wenn „man durchaus nicht sagen kann, dass diejenigen, die Mischehen schliessen, immer oder auch nur in der Mehrzahl die schlechteren Juden sind*, — wie konnte dann die jüdische Frau dem alten, ewig jungen Perez das Modell so vieler wundersamer, in Liebe gesehener und geschaffener Gestalten abgeben? Wie konnte sie den jungen Asch zu seinen prächtig schönen Ausbrüchen eines verliebten Nationalstolzes begeistern? Warum sind denn die Frauen, die in den Liedern von Bialik, Einhorn und Imber walten, so selbstverständlich Jüdinnen? Wie kommt es, dass in den so volksechten und humorvollen Geschichten eines Mendale und eines Shülem-Alejchem und in den Milieudramen eines Pinski so ganz und gar keine Verdrossenheit gegenüber Jüdinnen durchschimmert und auch nicht in der fernsten Ferne das siegende Antlitz einer Nichtjüdin auftaucht? Und wie ist es zu erklären, dass selbst der westjüdische Dichter Max Brod keinen Anlass hat, über seine Westjüdinnen zu greinen, sondern im Gegenteile die gesunden mit sicherem Instinkt herausfindet und an den modern kränklichen noch der jüdischen Anmut und der jüdischen Selbstbesinnung sich zu freuen vermag? Alle diese Dichter, die ja übrigens nichts anderes sind als Sänger und Sager dessen, was die grosse Masse des jüdischen Volkes in Liebe und Ehe lebt, sollten die schlechteren Juden und ihr, die ihr die Mischehen schliesst oder ihnen wenigstens als Erscheinung innerhalb der jüdischen Intelligenz soviel teilnehmendes Verständnis entgegenbringt, — ihr solltet die besseren sein? O, redet euch nur das nicht ein! Und redet euch und der Welt nicht ein, dass ihr die jüdischen Mädchen nicht wählt und nicht mögt, weil sie

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