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Die Freistatt · 1913-05-15 · Heft 2 (15.5.1913) · p. Seite 130

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Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 2 (15.5.1913)
Article
Fortschritt im Rückschritt
Date
1913-05-15
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 Jüdisches Leben und Schaffen Antagonismus sich nicht so leicht durch rationalistische Theorien ersticken läßt; daß er hervorbrechen muß, so oft man das Bedürfnis hat — so zu sein, wie man ist: Frei von den kostspieligen Modeidealen, die die armseligen Menschen belasteten; frei vom Freiseinmüssen . Und so oft dieses ehrliche Bedürfnis erwacht, muß der Jude bluten. J, KU Die jüdischen Mädchen und „die ernsten Juden mit Selbst* achtung." „Es ist gar nicht abzusehen, wohin es führen kann, wenn wesensfremde Menschen mitbestimmen, was lebendiges Judentum sein soll und was nicht" . * Ein wunderbarer Ausspruch, den man in Erz graben und dann zusammen mit dem Erze gewissen Herren an die Köpfe werfen sollte, damit sie sich ihn nur ja recht gut merken. . . Wunderbare Worte der Erkenntnis, und doch nicht in Erkenntnis geschrieben! . . . Eine wunderbar entschlossene Sprache und doch in eine Kundgebung verirrt, die selbst solcher Entschlossenheit ins Gesicht schlägt! Im Grunde bringt der Artikel „Mischehen", der jüngst in der Prager zionistischen „Selbstwehr" veröffentlicht war, nichts wesentlich Neues. Die „Tatsache, . . dass die zionistische Bewegung nicht imstande ist, ein immer häufigeres Vorkommen von Mischehen selbst bei den Bekennern zu verhindern* oder anders ausgedrückt, dass „die jüdische Ehe . . . , auch bei nationalbewussten Juden immer mehr an Boden verliert* hat man seit jeher gekannt. Auch dass diese Tatsache „mehr als für andern jüdische Schichten für die Intelligenzler, die ja gerade richtunggebend fürs Volk sein sollten, gilt" — war niemandem verborgen. Ja noch mehr, man kannte auch die Ideologie dieser nationaljüdischen Mischehen sehr gut, man bekam es ja oft genug von den Betreffenden zu hören, dass „die Zahl der jüdischen Mädchen, die ernste Juden mit Selbstachtung zur Ehe begehren können, so gering ist, dass viele unter ihnen nicht auch noch eine Frau unter dieser Zahl finden können, die ihrem Bildungsgrad, ihrer Individualität oder gar noch ihrer sozialen Stellung entspricht". Wobei auch mancher gnädig und begütigend hinzufügen mochte, dass er „durchaus nicht so pessimistisch" sei, „zu glauben, daß jedes jüdische Mädchen in seiner Weiblichkeit unter jedem nichtjüdischen Mädchen steht." Alles dies ist, wie gesagt, nicht neu. Neu ist nur das unumwundene öffentliche Bekenntnis nicht nur zu den entsprechenden Tatsachen, sondern auch zu der Erklärung, die für sie gegeben wird. Neu ist, dass die bisher nur ganz privatim, — übrigens ebenso von solchen, die Mischehen schliessen, als von solchen, die sie meiden — geäusserte Theorie von der Inferiorität des jüdischen Weibes nunmehr ex cathedra verkündigt wird. Neu ist der offizielle Ausruf: „Wir müssen es so trotz der ungeheuren Schäden, die es für unser Volkstum mit sich bringt, freudig begrüssen, dass unter unsern jungen Juden manche ein Weib als Krönung ihrer Lebensarbeit sich ausserhalb ihres Volkes zu erringen suchen, wenn sie es innerhalb desselben nicht finden können*. Neu ist die Problemauf rollung: „Washatdie nichtjüdischen Mädchen vor einem solchen Grade des sittlichen Niederganges (ergänze: wie er bei jüdischen Mädchen zu beobachten ist) bewahrt?"

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