Mannheim
Compact Memory

Die Freistatt · 1913-05-15 · Heft 2 (15.5.1913) · p. Seite 129

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Freistatt
Volume
1 (1913-1914)
Issue
Heft 2 (15.5.1913)
Article
Fortschritt im Rückschritt
Date
1913-05-15
Page
Seite 129 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3119801-3119802-3119804-3120103--0206-3120197
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jüdisches Leben und Schaffen, 12Q Fortschritt im Rückschritt Es ist ein Vorurteil der liberalen Judenheit, wenn sie den Antisemitismus als Reliquie des mittelalterlichen Fanatismus abtun zu dürfen glaubte. Es ist eine ungerechte Geringschätzung gar vielen Kulturstaaten und Kulturströmungen gegenüber, wenn man den Antisemitismus als finstere Reaktion verschreit. Es ist dies auch eine Ignorierung der menschlichen Affekte im Reiche des konfliktvollen Lebens. Nur eine asketische Moral kann dem Antisemitismus schlechthin jede Berechtigung absprechen: Askesie ist aber unjüdisch. Ja, man nivelliert die Kultur, wenn man sie als Gegensatz zum „Kampf Aller gegen Alle" postuliert. Als ob das kosmopolitische Ideal des „ewigen Friedens" das Verschwinden der national-kulturellen Differenzierungen bedeuten dürfte; als ob nicht vielmehr mit der Entwicklung der Menschheit die Konflikte tiefer, weil feiner würden und den Reichtum der Kultur vergrößern. Nur der starre Liberalismus eines Rationalismus konnte die Kultur so engherzig verstehen, als habe sie den Menschen von seiner Natur zu emanzipieren Es entstand so eine verhängnisvolle Kluft zwischen dem Natürlichen und Gekünstelten, an der jetzt die Menschheit so erbärmlich leidet: Prinzipien wurden ihr aufgebürdet, für die sie nicht reif war. Dogmen waren sie ihr, Dogmen im Namen der Aufklärung; Dogmen — weil sie ihr nicht innere Imperative waren» sondern grausame Konsequenzen eines rationalen Prinzips; notwendige Uebel, die man geduldig ertragen zu müssen glaubte. Und nun begann die vergewaltigte Menschheit, der Zurückhaltung müde, den Ballast der „verdammten KulturpflichtenK abzuschütteln und sich natürlicher zu zeigen: ......Blutmärchen . . . . Politischer, nationaler, kultureller Antisemitismus .... Judenkrawalle .... Eine vorübergehende Reaktion! — tröstet sich der im Sterben liegende Liberalismus. Er sieht nicht und versteht nicht, daß es ein Progreß ist, ein Progreß der Wahrhaftigkeit Die Menschen befreien sich von den schönen Vernunftsresolutionen, die sie zu Verrätern an ihrem Empfinden machten; sie befreien sich vom Joche des toten Buchstaben, das der grausame Rationalismus ihrem vollblütigen Leben aufgelegt hatte; sie befreien sich von den Geboten jener löblichen Prinzipien, die sie innerlich nie erlebten. — Denn der Antisemitismus war nicht überwunden, als Westeuropa die Gleichberechtigung der Juden proklamierte. Er wurde nur vertuscht. Man verleugnete ihn, da man keinen rationalen Grund für ihn fand. Er lebte aber im Geiste und Leib wie zuvor. Man sagte ihn tot, da er in die Theorie nicht hineinpaßte. Nun erwachte der Scheintote — und er rächte sich. . . So entwickelt sich der modetne Antisemitismus in all seinen kulturellen Nuancierungen. Man wird ehrlicher, aufrichtiger. Man faßt schon Mut, den in Verruf der Reaktion gekommenen Antisemitismus öffentlich einzugestehen. Die Selbstheuchelei schwindet: Man wagt allmählich die judenfeindliche Gesinnung ohne Rücksichtnahme auf das 19. oder 20. Jahrhundert unverhohlen zu bekunden — wenn man sich auch noch in der Kultur zu legitimieren sucht. Das ist ein Fortschritt des Freimuts. Sie verstehen nicht, die Naiven, daß ein in Leib und Seele wurzelnder

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.