Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Portraits junger Jüdinnen
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 120 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3119801-3119802-3119804-3120098--0191-3120188- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
120 Verse Tapfer und — hilflos, — Denn nichts Schwaches in Dir würde stark davon; der Mann, der Dich sieht, Fühlt, er möchte Dich bergen unter seinen Händen, Hört er Dich singen, Fürchtet er, das bischen Körper, die armen, schmächtigen Glieder möchten verwehn In Wind von Seele und Klang. Wenn Du singst, werden süß Deine Lippen, Vergehen unter den Lidern voll Ferne Deine großen Augen; Deine langen Wimpern Strecken sich vor, entzückt und zart wie die Fühler von Faltern. Ach wie Du saßest. Auf dem Gitter lag Deine Hand, auf der Hand Dein Gesichtchen im schwarzen Haar, plötzlich wunderschön, Du warst leicht vom Abend. Ein kleiner Vogel Du, Der sich aufs Balkongeländer setzte mit klugen Augen, ein paar Töne zu zwitschern Und heimzufliegen. Unausgesprochenstes — Wann wird die fremde Seele kommen, mich küssen und mit mir auffliegen?— In Deinen Augen..... III Zwischen den Kiefern standest Du, Die krachend ihre hohen Kronen wiegen durch den Sturm, Du aber rissest Deine zähen Wurzeln aus der nährenden Erde Und wanderst im Sturm des Geistes. Befehle vor Dir her Und um Dich reine Stürme, die in Deine ausgestreckten Hände greifen, Aber, siehe, in Deine fliegenden Wurzeln strömt das Licht und wird Blut, Und Du atmest breit und lachst. Ja Du wirst küssen, Ausgießen Lust, einsaugen Geist, aber statt Nacht wird Glanz zupressen unsre Augen, Ja Du wirst dem Geliebten ein wanderndes Haus und einen wandernden Garten bereiten, Und Deine Hände, die von den Blumen der Erde fortgenommen sind, werden Blumen säen In das Licht, das uns leitet.