Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Der grosse und der kleine Zionismus
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 96 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Davis Trietsch, Der große und der kleine Zionismus. In Wirklichkeit aber haben wir bisher keineswegs so gut gearbeitet. Unser Spezialgebiet, die praktische Tätigkeit in Palästina, wird erst seit wenigen Jahren überhaupt bearbeitet. Im Vergleich zu früher können wir zwar mit den dortigen Fortschritten recht zufrieden sein, — mit den Möglichkeiten der Palästinaarbeit gemessen, ist alles Bisherige jedoch furchtbar klein und unzureichend. Lange Jahre hindurch herrschte ja auf unserem Spezialgebiet nicht nur Untätigkeit, sondern von Partei wegen ein Verbot jeder Arbeit, und wenn man sich dies möglicherweise und allenfalls etwa aus der politischen Lage zu erklären versuchen mag, so gibt es keine Erklärungen und keine Entschuldigungen für den Mangel an Vorbereitungen, die doch zum mindesten in jener Zeit hätten getroffen werden können. Die Unterlassung jeder Arbeit auf diesem Gebiete ist um so mehr zu verurteilen, als der Mangel an Vorbereitungen schon zwischen dem zweiten und dritten Kongreß schwer empfunden wurde: nämlich als man glaubte, Palästina bereits in der Tasche zu haben. Damals (es war Ende 1898) habe ich von maßgeblichen Seiten zu hören bekommen, „es sei ein Unglück, wir hätten Palästina zu schnell bekommen, und jetzt fehlten die Vorbereitungen." So grotesk die Idee war, daß man Palästina bereits hätte, so sehr ist es zu beklagen, daß nicht wenigstens von jener Zeit an das Vorbereitungswerk ernsthafter betrieben wurde. Aber selbst in der Zeit, seit die Palästinaarbeit bei uns durch keine Interpretation des Programms mehr verboten und verpönt war, — selbst in dieser Zeit hat es jahrelang von Seiten der früheren Gegner alle möglichen Hinderungen und von Seiten der früheren Befürworter jeden Mangel an wirklich praktischer Vorbereitungsarbeit gegeben. Die Folge ist, daß wir eigentlich noch jetzt im ersten Beginn des Anfangs stehen, daß wir unendliche Gelegenheiten versäumt und wertvolle Zeit und noch wertvollere Kräfte verloren haben. Der Schwung, der den Anfängen der zionistischen Bewegung innewohnte, und der sich auch einer bald einsetzenden Palästinaarbeit mitgeteilt hätte, war durch eine alle Energie lähmende Periode programmatischer Untätigkeit unterbrochen, so daß wir heute die kleinlichsten und unzulänglichsten Dinge, die in Palästina vor sich gehen, als wer weiß wie groß und bedeutend betrachten. Das größte Feld, das wir zu bearbeiten haben, nämlich die Organisation der Einwanderung nach Palästina, ist sogar bis jetzt noch gänzlich unberücksichtigt geblieben. Weder zeigten wir den osteuropäischen Massen, um die es sich doch hauptsächlich handelt, Wege und Möglichkeiten nach Palästina, noch haben wir die palästinensische Arbeit so organisiert,