Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 2 (15.5.1913)
- Article
- Der grosse und der kleine Zionismus
- Date
- 1913-05-15
- Page
- Seite 92 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Davis Trietsch, Der große und der kleine Zionismus, Der grosse und der kleine Zionismus. Von Davis Trietsch. Es gibt zahlreiche Zionismen. Sie unterscheiden sich in vielfachen Hinsichten. Hier wollen wir heute von dem „großen" und dem „kleinen" Zionismus sprechen, und von den damit zusammenhängenden Programm- und Kompetenz-Fragen. Bei der Gründung der zionistischen Organisation war man sich über den Umfang, den die Sache nehmen sollte, keinesfalls im klaren- Für viele war es die Lösung aller jüdischen Fragen, — für andere war es eine Neubelebung der jüdischen Palästinabestrebungen, durch deren großzügigere Behandlung allenfalls ein Einfluß auf die Judenfrage im allgemeinen zu erwarten sei. Es hatten also „alljüdische" Gesichtspunkte ebenso wie die speziellere Palästinaarbeit ihren Anteil am Zustandekommen der jetzigen Organisation, ohne daß man verstand, die Dinge recht auseinander zu halten, oder noch besser: sie in ein rechtes, gemeinsames System zu bringen. Dies geht denn auch zur Genüge aus der Fassung des Programms hervor, auf das man sich am ersten Zionistenkongreß in Basel geeinigt hat.*) In diesem Programm ist der Hauptsatz: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina," „Zur Erreichung dieses Zieles" — heißt es dann weiter — „nimmt der Kongreß *) Das Baseler Programm ist nicht so bekannt, wie manche meinen. Es gibt nicht allzuviele Zionisten, die es wörtlich im Kopfe haben. Das soll auch nicht einmal ein Vorwurf sein, denn dieses Zufalls- und Kompromiß-Produkt des ersten Kongresses ist wirklich nicht das granitene Erzeugnis einer für alle Zeiten bis zum Wortlaut ihrer Beschlüsse maßgeblichen Versammlung, für das Manche es partout halten wollen (der Granit-Vergleich — auf das Programm angewendet — stammt z. B. von dem Altmeister Nordau), Schon Herzl hat es ziemlich frei variiert und hat es u. a. in der Form auf dem Titelkopf der „Welt* angebracht, daß statt des jüdischen Volkes der Passus stand „für diejenigen Juden, die sich in den Ländern, in denen sie wohnen, nicht assimilieren können oder wollen\ Wenn das schon beim Hauptsatze möglich war, so ist es den Nebensätzen insofern noch schlechter gegangen, dass sie meist überhaupt unterdrückt werden. Sie fehlen beispielsweise sogar in Schachteis Merkbuch und in Lichtheims Programmbroschüre. Vom letzten Satze gab es sogar lange zwei verschiedene Versionen („Regierungszustimmung* oder „Regierungszustimmungen* — ein kleiner Unterschied, der die grössten Konsequenzen hätte haben können, wenn nicht der ganze vierte Satz in neuerer Zeit authentisch hinweg-