Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Wo soll man denn hinkommen?
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 68 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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68 eigenen Bekenntnis in allen jüdischen Dingen kindlich unberührter Mensch sich hinsetzt und in seiner, allerdings sehr passablen Hirnretorte „Begriff und Programm einer jüdischen Nationalliteratur" herstellt. Und dies, wohlgemerkt, nicht nur für die die deutsche Judenheit, sondern, wie aus mehreren Stellen seiner Schrift ganz deutlich hervorgeht, für das gesamte, offenbar darauf wartende jüdische Volk. Allerdings muss zugegeben werden, dass es für jüdische .Intelligenzler, namentlich deutsch-jüdische, nicht leicht ist, nicht ln solche verrenkte Situationen zu kommen. Wenn man eben erst von der europäisch-deutschen Kulturtafel weggescheucht wurde und einem die dortigen Genüsse noch als die einzig echten auf der Zunge liegen, wenn man dann ans Tor des Judentums kommt und mit einem unsicheren Blick hineinlugt, nichts in seiner Bedeutung erfasst, aber alles so anders, ach so anders, als in der verlassenen Walhalla sieht (es gibt da ganz köstliche Parallelen in der Goldsteinschen Schrift) — dann ist es ja begreiflich, dass man alles umkrempeln, neumachen möchte. Wer zieht auch gerne in eine Wohnung ein, die ihn unbehaglich anmutet? Aber am Ende müssen doch einmal auch unter diesen An-der-Tür-Lugern Leute hervorkommen, die sich sagen : Gehen wir doch hinein, bevor wir urteilen, prüfen wir doch, ob wir nicht hineinwachsen können, ob sich nicht doch das Kongeniale unserer Natur und dieses Baues offenbart. Und wenn s nicht glückt, dann gehen wir lieber wieder ganz hinaus, als in fremdem Hause durch unsere fremden Launen Unordnung und Verwirrung zu stiften, als den Genius dieses fremden Hauses mit unserem ahnungslosen Vandalismus zu beleidigen! Und warum sollte man solches Auftreten, solche Selbstzucht nicht wenigstens jetzt schon erwarten dürfen, da doch schon genug Zeit seit den ersten Jugendeseleien des jüdischen Nationalismus verfloss? Muss denn wirklich jeder seiner neuen Adepten die Naivetat der urältesten und ebensolange wie diese mitmachen? Wo soll man denn hinkommen, wenn die jüdische Bewegung in der jüdischen Intelligenz von ihren jeweiligen Neugewonnenen immer wieder ins Anfangsstadium, in die unsinnigste Voraussetzungsslosigkeit, zurückgeschraubt wird? Und warum muss gerade auch Moritz Goldstein, sicherlich der Ehrlichsten, Mutigsten und Begabtesten Einer, mit dabei sein? ♦ . ♦ ♦ M. A. Ein Aufruf für Else-Lasker-Schüler. Wir erhalten folgenden Aufruf für eine mit schweren Sorgen kämpfende Dichterin, deren poetische Eigenart ihr bisher den schriftstellerischen Markt nicht so weit erschlossen hat, daß sie von ihren Arbeiten leben könnte;