Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Wo soll man denn hinkommen?
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 67 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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67 er selbst in der Judenfrage die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sucht. Man erinnert sich auch, dass den ersten Schuss in dieser Kampagne Herr Moritz Goldstein, damals ein literarischer Neuling, tat, indem er in seinem Artikel „Deutsch-jüdischer parnass" auf die zweifelhafte Stellung der Juden innerhalb der deutschen Literatur und auf die Notwendigkeit einer mehr oder weniger vollständigen Separierung der jüdischen Dichter in deutscher Sprache von den deutschen Dichtern hinwies. Derselbe Goldstein hat uns nun einen Epilog zu der von ihm eingeleiteten Federkampagne geschenkt: Eine Broschüre, in der er seine Gedanken und Wünsche nach der praktischen Seite weiterhin ausbaut* Soviel ist sicher, dass sich Goldstein in dieser seiner letzten Kundgebung ebenso wie in der ersten als ein Mann zeigt, dessen Anlage und Willen ernste Beachtung verdienen* Es gibt nicht so viele junge Leute in der zeitgenössischen deutschen Judenheit, die so gewissenhaft und tief zu schürfen, so geistvolle Antithesen und Paradoxen an den Dingen zu entdecken und aus den Dingen herauszulocken verstehen, als dass man auch nur einen zu würdigen vergessen dürfte. Und doch muss es gesagt sein: Dass selten ein unreiferes Buch geschrieben worden ist, als „Begriff und Programm einer jüdischen Nationalliteratur", Gewiss, es ist dies keine persönliche Unreife des Verfassers, sondern die Unreife des Milieus, aus dem er erwachsen ist. Es ist die Unreife des deutschen Juden für einen Blick über das ganze Volk hin, für die Idee des organischen Volkstums, das nicht von den entsagungsvollen Gnaden einiger gutgesinnter Judenschmerz-Leidender abhängt* Es ist die Unreife des deutschen Juden, der in keinem lebenden, schaffenden jüdischen Volk zuhause und daher geneigt ist, dieses, wo und wie es ist, zu übersehen, nicht zu sehen, an ihm vorbeizudenken, vorbeizuplanen, vorbeizuraten. Es soll da gar nicht erst auf die Frage eingegangen werden, ob es geschichtliche Erfahrungen und volks-, sprach- und individualpsychologische Voraussetzungen wirklich möglich erscheinen lassen, in einem Sprachgebiet zwei national getrennte Literaturen und Kulturen aufzubauen und dann aus verschiedenen solchen Doppelgebieten je eine Literatur und Kultur herauszuheben und alle herausgehobenen wieder zu einer Literatur- und Kultureinheit zusammenzuschmieden. Mag dem sein, wie es will, jedenfalls bleibt die Monstrosität bestehen, dass angesichts der alten hebräisch-aramäischen Kultur, die doch noch für vier Fünftel des jüdischen Volkes gilt und die für drei Viertel mit der neuen jiddischen Kultur zu einer intimen Lebenseinheit verwachsen ist — ein junger, nach seinem