Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Das jüdische Volkslied
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 65 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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85 Angelegenheiten des Jüdischen Volkes direkt zum Westen sprechen zu lassen. Das ist aber eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Es gilt da, gerade d i e Autoren auszuwählen, die dem Westen etwas zu sagen haben; die also die spezifische Notlage seiner Jüdischkeit übersehen, auf seine Probleme einzugehen wissen und ihm Wege weisen. Sehr gut hat derartige kulturvermittelndeAufgaben für die deutsche Nation der Dürerbund in seinen Flugschriften gelöst. Und leider sehr schlecht der Jüdische Verlag, als er Kisselhoffs Broschüre „Das jüdische Volkslied" herausgab. Sie gehört zum langweiligsten, das über diese Dinge überhaupt zu lesen ist, — ist der Auszug aus einem trockenen, jiddischen Referat des genannten Autors. Nichts weiter als eine Materialiensammlung, die aber auch keine von den Fragen berührt, die uns Westler interessieren. Da wird nicht angeknüpft an die letzten, leider noch immer ungeschickt und geschäftsmässig erfolgten Versuche, dem jüdischen Lied durch herumreisende Konzertgeber den Westen zu erschliessen. Kein anregendes Wort darüber, wie wir über die gegenwärtige Misere hinwegkommen — und eine Misere ist es doch wohl, dass eine ganze Menge guten Notenmaterials heute vorliegt, aber keine Vermittler da sind, es in die Schule, in die Familie und in die grösseren Gemeinschaften hineinzutragen, — dass bis heute noch keine Diskussion eingesetzt hat über die Wege, auf denen man das jüdische Volkslied den Westlern wirklich bis zum Herzen nahe bringen kann, — eine Misere, dass die besten Ausgaben jüdischer Volkslieder dem Westen ganz unbekannt sind, und minder* wertige, so die vom Hübnerschen Verlag den Markt beherrschen. Dem allem, was doch in gutem Sinne aktuell und worüber in einer Broschüre zu handeln ist, die Wege zur jüdischen Kultur weisen und mehr sein will als eine trockene Archivarbeit — all dem ist der Autor aus dem Wege gegangen. Mit einer befremdenden Ungeschicklichkeit. In eine solche Broschüre gehört zum mindesten eine kurze Interpretation des besten vorliegenden Notenmaterials, mit Angabe des Preises und anderen musiktechnischen Randnoten. Es fehlt aber selbst die bescheidenste bibliographische Angabe. Das Büchlein kann keine Wirkung haben, wird dem Westen das Verständnis für jüdische Volksmusik nicht erleichtern. Warum hat der Jüdische Verlag nicht einen Auszug aus der vortrefflichen Einleitung gebracht, die Kaihan seiner grossen Liedersammlung voranstellte, und die sich trotz ihrer Wissenschaftlichkeit wie eine Novelle liest und das jüdische Leben nur so spiegelt? Oder gar des J. L« Perez unübertreflliehe Geschichte »A gilgul fun a nigun?" (Das wandernde Lied.) Die, im