Die Freistatt
- Journal
- Die Freistatt
- Volume
- 1 (1913-1914)
- Issue
- Heft 1 (April 1913)
- Article
- Jiddishe Dichtung.
- Date
- 1913-04-01
- Page
- Seite 57 (sequence 2)
- Language
- German
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57 Unter Jiddish, d. h. Jüdisch, wie die sie Sprechenden sie nennen, versteht man die Sprache der Ostjuden, d. i. der Juden Rußlands, Polens, Galiziens, der Bukowina und Rumäniens, sowie ihrer größeren und kleineren, über alle Weltteile zerstreuten Kolonien, *) Von der Geschichte dieser Sprache läßt sich wenig nur annähernd Sicheres berichten, da sie wissenschaftlich noch fast gar nicht behandelt wurde. Sie entstammt wahrscheinlich einem oder mehreren ober- oder mitteldeutschen Dialekten des späteren Mittelalters. Es ist vorläufig noch nicht zu bestimmen, inwieweit der Lautwandel, durch den der heutige Lautbestand hergesteilt wurde, zur Geschichte der deutschen Sprache zu rechnen ist oder eine Erscheinung auf jüdischem Sprachboden darstellt. Diese Frage hängt innig mit der andern zusammen, ob dieser Lautwandel, teilweise oder in seiner Gänze, noch in Deutschland oder erst in den slavischen Ländern vorsieh ging. Was den Wortschatz des Jüdischen betrifft, so ist er größtenteils mittelhochdeutschen Ursprungs. Dazu kam nun schon seit den frühesten Zeiten eine allmählich wachsende Anzahl von Wörtern und Bildungen aus dem Aramäischen (Talmudischen) und Späthebräischen, sowie aus dem Slavischen der beginnenden Neuzeit. Schließlich ist natürlich das eigene innere Wachstum, unabhängig von den Quellen der Sprache, zu erwähnen. Es seien hier einige der für den Deutschsprechenden augenfälligsten Erscheinungen hervorgehoben: Der Vokalwandel gegen das Mittelhochdeutsche; das Fehlen der Imperfekt- und Konjunktivformen (zej hobn gezugt » sie sagten; er wolt genymen - er nehme); die vom Deutschen vollständig abweichende Sprachmelodie; die Stellung von Verb und Objekt (ech wel rasn dem epl - ich werde den Apfel pflücken); die Stellung des Verbs in abhängigen Sätzen (dy host gemejnt, az ech lejn düs bych - du glaubtest, daß ich das Buch lese); der lexikalische Zustand; etc. Aus der unten folgenden Aussprache-Tafel ist leicht zu ersehen, daß das jüdische Sprachgebiet in zwei Hauptdialekte zerfällt, den »polnisch-südlichen« (schätzungsweise drei Viertel der jüdisch Sprechenden umfassend) und den »litauischen«, hauptsächlich durch den Vokalismus unterschieden. Das historische Verhältnis der Dialekte liegt noch vollständig im Dunkeln, Die Unterschiede der gesprochenen Sprache treten in der Literatur fast gar nicht hervor Und zwar ist dies der Fall, trotzdem es eine einheitliche »Gebildeten- oder »Literatursprache« im Sinne anderer europäischer Sprachen als überall angenommener Einheitlichkeit der Aussprache nicht gibt An ihrer Stelle sehen wir eine einheitliche Schreibung. Diese Erscheinung ist analog den verschiedenen Aussprachen des Hebräischen bei Einheitlichkeit seiner alten Schreibung und ging von hier aus in die jüdische Orthographie über. Aehnliches ist ja in der Orthographie aller Sprachen zu beobachten (z. B. Tag, suddeutsch: Tak, norddeutsch Tach, etc.), da es schon im Wesen des Schriftzeichens als Symbol eines Lautes, der von jedem Individuum anders gesprochen wird, begründet liegt. Aber m der jüdischen Orthographie ist dieses Prinzip der »neutralen Bezeichnung« besonders stark entwickelt Die in den Proben *) Hiervon ist eine gewisse Schichte auszunehmen, die nicht Jüdisch als Muttersprache spricht Ihre Zahl z. B. in Russland beträgt nach der letzten Volkszählung ungefähr 8 vom Hundert,