Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 31 (1938)
- Article
- Mein Vater
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 297 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111128-3119359--8159-3119705- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
verboten — und daher den Familiennamen Bernfeld angenommen. Der Name wurde früher in zwei Worten geschrieben: Bern Feld; so schrieb ihn mein Großvater auf das Titelblatt eines Machsor, aus dem ich in meiner Jugend zu beten pflegte. Die Zusammenziehung der Worte kann frühestens durch meinen Großvater geschehen sein. Mein Urgroßvater Efraim leistete den österreichischen Truppen im Kriege gegen die Türkei (1788 ff.) wertvolle Dienste bei der Verproviantierung. Bei einem Rückzug der Truppen büßte er sein ganzes Vermögen ein. Der kommandierende General empfahl ihn Kaiser Josef II., der ihm in Wien eine Audienz gewährte. Auf die Frage, wie ihm zu helfen sei, äußerte Efraim Bernfeld den Wunsch, Landbesitz zu erhalten, da er sich für die Landwirtschaft sehr interessiere. Die österreichische Regierung verfügte in dem ihr bei der ersten Teilung Polens 1772 zugefallenen Galizien über umfangreiches Staatsgut. Mein Urgroßvater erhielt ein kleines Landgut in Jesupol in der Nähe von Stanislau. Da er aber die Landwirtschaft in größerem Umfange betreiben wollte, so pachtete er ein angrenzendes Gut von dem Grafen Dzieduszyski hinzu. Der Graf war, wie viele Mitglieder des polnischen Hochadels, ein Sonderling. Mit meinem Urgroßvater vereinbarte er, daß dieser ihm die Pachtsumme pünktlich am Quartalsersten in blanken vollwichtigen Dukaten zu entrichten habe. Sollte er aber im Laufe des Quartals für seinen Betrieb Geld brauchen, so wäre der Graf bereit, ihm ein unverzinsliches Darlehen zu gewähren. An einem Quartalsersten begab sich Efraim auf das gräfliche Schloß, um die fällige Pachtrate zu zahlen. Im Schloß waren viele Gäste zu einem Familienfeste versammelt. Der Graf empfing meinen Urgroßvater etwas verdrießlich, dieser erwiderte: ,,Ich halte mich an die Bestimmungen unseres Vertrages“. Da wurde der Graf freundlicher und sagte: „Nun gut, da habt Ihr den 297