Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Zu Richard Beer-Hofmanns siebzigsten Geburtstag
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 232 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Zu Richard Beer-Hofmanns siebzigsten Geburtstag Von Leo Hirsch 1. Wenn man von den wissenschaftlichen Leistungen absieht, scheint alles, was von Juden seit dem neunzehnten Jahrhundert geschrieben wurde, von Heinrich Heines Art mitbestimmt. Beer-Hofmanns jüdisches Schaffen ist jenseits dieser Art, erst in seinem Bewußtsein ist keine Spur von Heine mehr. Heines Art bedeutet: Bruch der Traditionen, Infragestellung der Inhalte, Kritik der Bestände, Lockerung aller Formen, Gegenwartsbeziehung um jeden Preis, also Aktualisierung, Politisierung, Journalisierung, Satire, Ironie, Dynamisierung, Entheiligung; Beer-Hofmanns Art bedeutet: Heimkehr zu den Anfängen, Durchblutung mumifizierter Bestände, Bindung in strenger Form, die species aeternitatis, spott- und sentimentlose Klarheit, Positivierung, Statierung, Heiligung. An die Stelle der polemischen Moral tritt die positive Ethik, und selbst aesthetische Kategorien wie Realismus oder Romantik verlieren alle Bedeutung. Die fatalen Dualismen: Jude oder Europäer, Nation oder Menschheit, Nazarener oder Hellene, Ghetto oder Emanzipation — werden gleichgültig, die zwiegespaltene Welt ist wieder einhellig, also ist Flucht weder möglich 232