Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 30 (1937)
- Article
- Glückwürdigkeit und Glück
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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12. Zu der Stunde, da der heilige Tempel zu Jerusalem in die Hände der Feinde fiel und Israel in die Verbannung ging, trat unsere Mutter Rahel vor den Herrn der Welt und rechtete mit ihm um das Geschick ihrer Kinder: „Ich, ein Geschöpf aus Fleisch und Blut, Staub und Asche, bezwang mein Begehren und hatte Mitleid mit meiner Schwester und erwies ihr Liebes, daß sie nicht in Beschämung käme. Und d u, der König, der ewig bleibt und lebt, du siehst mit an, daß meine Kinder in die Verbannung ziehen, Menschen im Elend versinken, ihren Feinden zur Lust?“ D a aber, so heißt es weiter, da brach das Erbarmen des Heiligen auf, und er sprach: „Um deinetwillen, Rahel, führe ich Israel wieder heim an seinen Ort. Halte zurück deine Stimme vom Weinen und deine Augen von Tränen, — denn ein Lohn ist für dein Tun! Und Hoffnung für deine Zukunft!“ Wir wissen nicht, wie der Ewige das Gute lohnt, wie der Ewige dem Guten Sinn verleiht. Gewiß allein, daß alles Gute Farce und Gaukelspiel wäre, ohne den Glauben, daß ihm ein Lohn und Sinn beschieden ist, ohne den Glauben, daß der zweifelnden Klage und jedem Schmerz des Menschen zum Ende immer wieder das Erbarmen des Heiligen sich neigt: „Halte zurück deine Stimme vom Weinen und deine Augen von Tränen!“ 46