Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 29 (1931)
- Article
- Das Licht verlöscht
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 208 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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sal! Mein Mann ist Freidenker, deren Meinung hierzulande gilt und anerkannt ist wie die so vieler Sekten, aber er hat doch nicht den Mut und darf auch um des lieben Brotes willen das Christentum nicht verlassen. Und so wird es kommen, daß ich meinem Meitscheli beim Schulbesuch des nächsten Jahres in der Christenlehre werde helfen müssen.“ Sofie aber hörte nichts mehr, wollte nichts mehr hören; sie entzündete die stärkere Kerze, den Diener am Licht. Dann rezitierte sie leise, leise den Segensspruch: „Gelobt seist Du, Ewiger, mein Gott, der Du geboten hast, die Lichter des Chanukkafestes auf leuchten zu lassen.“ Sie hatte den Spruch so oft gehört, daß sie den hebräischen Text beherrschte: „Gelobt seist Du, Ewiger, mein Gott, der Wunder getan an unseren Ahnen an diesem Tage zu jener Zeit.“ Die melodische Rezitation, die vertrauten Worte des Urtextes beruhigten mit balsamischer Milde Bertas wunde Seele. Sie war eingekehrt in die Gefilde der Jugend, vergaß den Zwiespalt ihrer Seele und respondierte leise den Sprüchen. Wie sicher wurde ihre flackernde Empfindung, wie selig schlug das wunde Herz! Alles war vergessen: die neue Heimat mit Freude und Pein, die drohenden Jahre der quälenden Verhüllungen. Sie war heimgekehrt, hörte den Gesang des Vaters, die Responsen der Familie, die einstimmte in den uralten Schlußgesang. Das Lichtlein des ersten Tages flammte auf. 208