Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 29 (1931)
- Article
- Das Licht verlöscht
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Sie hörte geduldig Rede und Gegenrede, während ihre Gedanken heimwärts wanderten, in das kleine Städtchen Wolhyniens, in von fern her leuchtende Vergangenheit. Sie stand neben dem Vater, der laut und melodisch die Segenssprüche rezitierte, einigte ihre zarte Stimme mit dem Schlußgesang und eilte dann an den Tisch, der mit Kürbiskernen bedeckt zum Spiel lockte. Ein viereckiger Kreisel, aus Zinn gegossen, wurde gedreht, dessen hebräische Buchstaben Glück und Segen verteilten, das heißt Kürbiskerne, die rasch geröstet und mit Salzbrot verzehrt, kostbaren Festschmaus bedeuteten. Hier das behagliche Bürgerhaus, dem ein vornehmer Beruf das reichliche Brot brachte, dort die ärmliche Stube, in der armselige Einrichtungsstücke auf gestampftem Lehm standen, draußen der aufreibende Kampf um die ärmliche Lebenshaltung, von einer feindseligen Umgebung erobert. Und doch . . . welch ein Bangen um jene Zeit, welch wühlendes Sehnen nach den kargen Freuden heimischer Feste! Sie seufzte tief auf; ein willkommenes Signal für Sofie, das Gespräch zu beenden. „Berta wird erregt durch meine Schilderung des Kriegselends. Es ist besser, wir lassen es für heute.“ „Ach ja“, entgegnete Bernklau, „es ist grausam, wie die Menschen gegeneinander wüten, und offen gesagt, ich kann’s noch immer nicht verstehen: ich erlebe es in meinem Berufe so oft, 202