Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 29 (1931)
- Article
- Das Licht verlöscht
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Und in diesem unübersehbaren und undurchdringlichen Gewirre gerieten zwei junge Frauen aneinander, die nach dem ersten Ruf der Ueberraschung mitten unter all diesen fremden Menschen einander in die Arme fallen. „Du, liebe Sofie, und dein Mann, ihr lebt doch in Berlin, wie kommst du hierher?“ Frau Sofie erklärte, daß sie nach Bern gekommen sei, die Gesundheit ihrer Kinder zu festigen, die in Berlin nicht genügende Nahrung fanden. Zwei Buben waren es, Schweizer dem Vater nach, daher der kleinen Familie die zur Kriegszeit sorgfältig bewachten Tore der Republik offenstanden. Die beiden Frauen drängten aus dem Schwarm, vorbei an der Johanneskirche zum Bahnhof, dessen Hallen Gelegenheit zur Aussprache boten. Die zwei Freundinnen sahen aus wie Nord und Süd, Orient und Europa, und waren doch eines Stammes: Frau Sofie hochgebaut, energisch in Wort und Schritt, vom schmalen Haupt fielen dunkle Strähnen schlicht ins Antlitz; ihre Freundin, die sie Berta nannte, war zierlich im Bau, ihr Scheitel voll lichter Haare und rosig das Gesicht. Sie kannten sich von Wien her und hatten jahrelang in Zürich gemeinsam die Hochschule besucht. Sofie hatte früher einen Kollegen geheiratet, Berta später, und nun fragte eine die andere um Weg und Ziel. Ja selbst den neuen Familiennamen der Freundin mußten sie erkunden. Eines war ihnen gemeinsam: jede hatte einen Schweizer, einen 188