Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 29 (1931)
- Article
- Zur Weltlage der Juden im 20. Jahrhundert
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3111067-3111124-3118688--7225-3118760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tum wendet, das in diesen, industrie-kapitalistisch noch kaum berührten Staaten der eigentliche Repräsentant des Kapitalismus ist. Nach einer Nachricht, die vor kurzer Zeit durch die Presse ging, beabsichtigt der neue Präsident Argentiniens, das heißt desjenigen Landes, das der europäischen Einwanderung die größten Aussichten bietet, mit Schärfe gegen das Latifundienwesen vorzugehen und die Einwanderung mit allen Kräften zu ermutigen, um das für den Staat gewonnene Gelände mit produktiven Menschen zu besetzen. Hier möchte sich vielleicht dem flüchtigen Ahasver ein neues Notasyl erschließen. Wir wissen aus der Geschichte, daß die Juden in noch vorwiegend agrarischen Staaten immer als hochwillkommene Träger der Kultur und der Wirtschaft mit Freuden aufgenommen und in guter sozialer Stellung angesetzt worden sind; so z. B. sogar in Polen. Erst wenn sie ihr Erziehungswerk vollendet, das heißt einen eigenen nationalen Gewerbe- und Handelsstand ausgebildet haben, erwächst mit und an der Konkurrenz der sich mit ihr immer verschärfende Antisemitismus, verlieren sie ihre Rechte eines nach dem anderen, verelenden mehr und mehr, bis sich viele gezwungen fühlen, wieder einmal den Wanderstab in die Hand zu nehmen. Die großen, fast noch rein agrarischen, menschenleeren Staaten Südamerikas könnten vielleicht die gleiche Rolle spielen wie einst unter Casimir dem Großen Polen. Nicht nur in Argentinien, sondern 40