Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 29 (1931)
- Article
- Zur Weltlage der Juden im 20. Jahrhundert
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 35 (sequence 7)
- Language
- German
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scheinlich ist. Man beurteilt die letzten deutschen Wahlen völlig falsch, wenn man darin nichts erblickt als eine Stärkung der extremen Rechten. Entscheidend ist, daß sie eine antikapita - listische Mehrheit in den Reichstag entsandthaben. Betrachten wir nun im Lichte dieser Grundidee die Weltlage des Judentums in dieser Zeit: Wir beginnen mit Rußland, dereinst, in seinen Grenzen zur zaristischen Zeit, dem Wohnlande weitaus der meisten Juden der Welt. Hier hat der Kapitalismus eine gewaltige Niederlage erlitten. Ob diese Niederlage eine entscheidende war, ob das System der Sowjets sich durchsetzen oder friedlich umformen oder schließlich durch eine blutige Revolution gestürzt werden wird, das ist nicht unsere Sache, hier zu erörtern, selbst wenn wir in der Lage wären, mit Sicherheit zu prophezeien, wozu wir nicht in der Lage sind. Dementsprechend scheinen in Rußland, wo die Mittelstände nicht bloß herabgesunken, sondern geradezu ausgerottet worden sind, und wo die private Konkurrenz kaum noch in den schwächsten Resten wirkt, der Nationalismus und der Antisemitismus einen wesentlich anderen Charakter zu haben als auf dem vergrößerten Balkan, zu dem wir leider auch unser Deutschland zur Zeit rechnen müssen. Der Nationalismus der herrschenden Sowjets richtet sich durchaus nicht nach innen gegen die nationalen Minderheiten im Staate und greift die Juden 3* 35