Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Alt-Kempen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 132 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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Zusehen gewahrte man indessen eine Veränderung, die zu denken gab. Zeigten nämlich ehedem die Firmenschilder am Markt ausschließlich jüdische Namen, so waren jetzt vielfach polnische hinzngetreten. Tatsächlich hatte sich in der Zwischenzeit das Verhältnis der jüdischen zur christlichen Bevölkerung gründlich verschoben. Die jüdische Einwohnerzahl war allmählich von 4000 auf etwa 2000 zurückgeganqen. Immerhin, konnte die Kempener jüdische Gemeinde noch als eine bebedeutende gelten. Erst mit dem unglücklichen Ausgange des Weltkrieges und mit dem Uebergang der Provinz Posen an den neuerrichteten polnischen Staat vollzog sich hier der Zusammenbruch. Polnische Unduldsamkeit machte den seit unvordenklichen Zeiten in Kempen eingesessenen Juden das weitere Verbleiben daselbst völlig unmöglich. Wer es irgendwie durchsetzen konnte, verließ die unwirtlich gewordene Heimstätte Ein kümmerliches Häuflein, etwa fünfunddreißig Familien — das ist der Rest der einstmaligen, verhältnismäßig größten jüdischen Gemeinde im deutschen Reichsgebiete. Daß sie überhaupt noch besteht, verdankt sie der unerschöpflichen Opferwilligkeit landsmannschaftlicher Vereinigungen in i Berlin, in Breslau und der Hochherzigkeit einzelner Kempener, die vor Jahrzehnten nach Zentral-Amerika ausgewandert und - dort zu Wohlstand und Ansehen gelangt sind. Es steht zu hoffen, daß wenigstens das herrliche Gotteshaus in gutem Zustande, daß der alte Friedhof in weiterer Pflege erhalten bleiben. In wehmütiger Empfindung schließt unser kulturgeschichtliches Bild ab: Alt- Kempen als deutsche Judenstadt gehört nunmehr nur noch einer für immer dahingeschwundenen Vergangenheit an. — 132