Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Haym Steinthal
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 80 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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ragender Seelen- und Geistesriesen anzusehen sei, oder ob sie als aus dem Volke und seinen sittlichen Kräften geboren, nur als deren höchster Gipfel, also im letzten Sinne doch als jüdische Volksreligion betrachtet werden dürfe, diese Frage wird mich, glaube ich, quälen, so lange ich. lebe. Uns wird diese Frage nicht quälen können. Denn wir meinen, ein Volk, das nach einer fast zweitausendjährigen Sklaverei einen Mendelssohn, einen Zunz, einen Luzzatto und einen Steinthal hervorzubringen vermag, Männer, die das Tiefste in sich dem jüdischen Leben entnommen fühlten, ein solches Volk hat auch in sich die geistigen und moralischen Triebkräfte, so edle und erhabene Blüten, wie es die Propheten waren, aus sich hervorzutreiben. Wir wissen, und unsere alten Propheten haben das ja schon erfahren, daß das jüdische Volk auch andere Blüten« treibt: aber bei welchem anderen Volke wäre dies nicht der Fall! Steinthal ist und bleibt uns ein Symbol für die Größe und Reinheit des jüdischen Genius und bestärkt uns in dem Glauben, daß das Judentum, wenn es sich selber treu bleibt und frei von innen heraus sich entfaltet, auch in Zukunft die Kraft haben wird, auf religiösethischem Gebiete schöpferisch tätig zu sein, und daß es so der Kultur der Menschheit zu dienen durch die Vorsehung auch weiter berufen sein wird. Steinthal, ein Symbol der Kraft, der Innigkeit, der Gemütstiefe, der Reinheit, des besten, edelsten Judentums: dies möge der Ertrag sein, den die Erneuerung seines Bildes anläßlich seines hundertsten Geburtstages uns spendet!