Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Buddha und Moses
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 30 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Buddhismus mit seiner Weltüberwindung und Lebensverneinung ist aus der Mitte eines glücklichen, von der Natur reich beschenkten Volkes hervorgegangen. Das jüdische Volk aber, der Hiob unter den Völkern, hat die Religion der Lebensbejahung geschaffen. Das üppige Indien mit seinem unvergleichlichen Reichtum und Ueberfluß ermöglichte es seinen Bewohnern, ohne große Anstrengung den Lebensunterhalt zu finden, und lockte zur Trägheit und zu beschaulicher Selbstversenkung und verführte am Ende die Menschen zur Verneinung des Lebens und alles dessen, was dem Leben Inhalt verleiht. Das Schicksal des.jüdischen Volkes aber war hart und forderte heroische Tatkraft und sittliche Energie, es vertrug keine Asketen und Mönche, sondern schuf Propheten und erzog Menschen der Tat, die um das Leben Tag für Tag kämpfen und es darum Tag für Tag bejahen. So kam es, daß Buddha, der Sohn eines glücklichen Volkes, die Menschen zur Weltüberwindung aufrief, Mose aber, der Sohn des Dulderstammes, Weltvervollkommnung lehrte. Die Weltgeschichte ist nach einem Worte Goethes ein einziger Kampf zwischen Glauben und Unglauben; die Zeiten des Glaubens aber sind, die größten in der Weltgeschichte. Um die Seelen der Menschen ringen fortdauernd zwei Männer: Buddha und Moses. Es kommen Zeiten der Not und des Niederganges. Durch die Welt tönt dann das Klagelied: Leben ist Leiden. Buddha erobert die Seelen. Aber diese Zeiten gehen vorüber und müssen vorübergehen. Die Erde wird nicht durch unsere Tränen, sondern durch die Tropfen unseres Schweißes fruchtbar. Die Kultur wird nicht von weltabgewandten Einsiedlern und Asketen geschaffen; der Sieg gehört denen, die das Leben wählen. Auch wir leben in einer Zeit der Not. Die Dichter singen von der Qual des Daseins. Die Weisen sprechen vom Untergang der Kultur. Aus Indien wird 30