Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Rückblick auf 5682 und 5683
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 9)
- Language
- German
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Beurteilungen der neuerlichen antisemitischen Anfälle und Ausfälle sei „nur der Psychiater zuständig." Gegenüber dem Anspruch der deutsch-völkischen Hetzliteratur auf eine Einordnung in die Weltanschauungs- Theorien meint ein angesehener, konservativer Schriftsteller, Antisemitismus sei „so wenig eine Weltanschauung wie das ckslirinru tremens“ und ein anderer, es war wohl der Abgeordnete Dr. Dühringer. stellt fest, daß die Ausländsdeutschen sich von der Judenhetze „schaudernd abwenden". In ähnlichem Sinne äußerte sich der frühere erste Vorsitzende der Zentrumspartei, der jetzige Reichskanzler Marx. Professor vr. Paul Hildebrand, der bekannte Pädagoge, erklärt: „nur ein schlechter Religions-Unterricht erzieht Antisemiten." Eine monumentale Wahrheit spricht in knapper Form der Satz aus: „Judenhaß, aus Eigennutz ist Schurkerei, Judenhaß aus Ueberzeugung ist Dummheit". Von bleibendem Werte aber ist das an bedeutsamer Stelle in bedeutsamer Stunde öffentlich gesprochene Wort des Reichsgerichtsrats N i e d n e r, der als Vorsitzender in einer Verhandlung des Staatsgerichtshofs gegen völkische Mordpatrioten erklärte, daß er „einen Gegensatz zwischen Deutschen und Juden ablehnen muß. Es gibt keinen! Juden, die Angehörige des deutschen Staates sind, sind auch ebensogut Deutsche wie die andern." So begegnet denn unser rückgewandter Blick neben beklagenswert düsteren Bildern doch auch mancher freundlicher anmutenden Erscheinung, und es bleibt uns erlaubt, im lebensfreudigen jüdischen Optimismus, aus jedem guten Ansatz in der nahen Vergangenheit und in der Gegenwart auf eine glücklichere Zukunft zu schließen. 16