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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1919-01-01 · 22 (1919) · p. Seite 133

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
22 (1919)
Article
Das Haus
Date
1919-01-01
Page
Seite 133 (sequence 2)
Language
German
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138 Und was mich besonders anzog, daß er von der Theologie ausging. Es klang alles bescheiden und doch überlegen und von Stund' an fühlte ich mich hingezogen zu dem herrlichen Menschen. Was wurde mir sein Haus! Als eine Pflegstätte vornehmster Gesittung und Gestnung orwies es sich. Was dies in einer kleinen posenschen Gemeinde bedeutete, lernte ich nach und nach begreifen, in meiner Eigenschaft als Arzt und als Christ. Ich bin mir nicht bewußt, jemals antisenlitische Anschauungen gehegt zu haben, dort lernte ich sie verstehen, dort aber lernte ich sie — verachten. Der Rabbi betrachtete die Menschen freundlich, gütig, gewissermaßen liebevoll, die ihm, weiß Gott nicht wenig zu schaffen machten, denn man mutz wissen, daß in solchen kleinen Judengemeinden, jeder alles besser weiß, als die führenden Persönlichkeiten. „Was haißt ä Autorität? Der Raw, wie ä so?" Oft wurde ich zornig und grob, wenn ich bei meinen Patienten solche Äußerungen hörte. Sie wurden dann eingeschüchtert und kamen mit: „Wenn der Herr Rabbiner" ... oder: „ä Dr. ist sor die Kranken, wie Sie zu gesund, Herr Dr., aber ä Raw is sor die Khille und die Schaales und die Zdoke." „Donnerwetter" fuhr ich dann aus: „Euer Rabbiner tut wenig für die Kranken und Euer Dr. wenig für die geistig Armen .... eine Chuzpe is es und ein Meschuggaas gegen den Mann etwas zu sagen." Da wurden sie kleinlaut und lenkten ein, aber ich weiß nicht, ob es meine Grobheit war, oder weil ich ihr Judendeutsch mir im Lause der Zeit angeeignet hatte, was sie zur Aberzeugung brachte? ... . Wahrscheinlich nicht mein Loschen, sondern die Nachsicht und Milde seines einfachen, wahrhaftigen Wesens, die Ruhe und Sicherheit seines überlegnen Geistes, die ihn schützten vor jener Abhängigkeit und Verdrossenheit, die unfreiwillige Beziehungen zu Minderwertigen oft Hervorrufen. Im Grunde liebten und ehrten sie ihn doch Alle, wenn sie auch maulten und nörgelten. Und wenn sie von ihm sagten „unser Raw", oder: „Kleinigkeit hat er ä Gewure und ä Wissen," so drückte sich darin Anerkennung und Stolz aus. Ausnahmen , bestätigen die Regel, und es gab einige, auf die sich meine

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