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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1919-01-01 · 22 (1919) · p. Seite 66

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
22 (1919)
Article
Seelsorge
Date
1919-01-01
Page
Seite 66 (sequence 14)
Language
German
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— 66 - Leben, weil wir bei Taufe und Tod gerufen werden. . Die eigentlichen „Kasualien" liegen doch auf der Wegstrecke selbst." i) Wer den Rabbiner in seiner Sprechstunde aufsucht, den treibt auch nicht immer physischer Hunger, nicht immer die Sorge um das tägliche Brot oder dieharte wirtschaftliche Not. Ganz anderer Hunger, ganz andere Sorgen, viel tiefere Herzensnöte sind es, die den 'Menschen dahin bringen, seinen „Seelsorger" aufzusuchen. Und wenn ihm mancher seine Zweifel über gewöhnliche Dinge des täglichen Lebens zur Entscheidung vorlegt, so werden andere durch Zweifel über Gut und Böse, über die Menschen und.die Welt, über Götter und Götzen zu ihm getrieben. Seine Aufgabe ist es. „den Unwissenden zu belehren, den Verirrten auf den Pfad des Guten und. Gerechten zurückzuführen, den Schwachen zu kräftigen, den Verzagten zu trösten, den Sinkenden aufzurichten, den Gebeugten zu erheben, den Wankenden zu befestigen, den leidenschaftlich Bewegten zu begütigen, den Grollenden zu versöhnen. "^) Es gab eine Zeit, wo es genügte, wenn diese Aufgaben durch eindringliches Wort an die Gemeinden von der Kanzel herab oder sonst bei feierlichen Gelegenheiten gelöst wurden. Heut aber, wo jeder, dem innere Sorge, Not und Zweifel das Herz bedrücken, sich das Recht nimmt, seinen Rabbiner aufzusuchen und ihm sein Herz auszuschütten, heute erachten es die Rabbiner als eine ihrer ersten Lebensaufgaben, auch ihrerseits die kleine Mühe auf sich zu nehmen und die Bedrängten und Bedrückten aufzusuchen. Steht doch die Mühe in gar keinem Verhältnis zu dem großen Segen/den sie durch freundliches und ernstes, durch lobendes und strafendes, durch beruhigendes und segnendes Wort bringen können. *) § Traub. Der Pfarrer und die soz. Fragen (prakt. theol. Handbibliothek) pg. 27. 2) Holdheim, Gottesdienst!. Vorträge, Frankfurt a. O. 1839 pg. XVII.

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