Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5678
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 Damit ist die formale Veranlassung zur Erfüllung der alten Verpflichtung von 1878 wieder geschwunden und man darf begierig darauf, sein, was von dem neuangenommenen rumänischen Judengesetze übrig bleiben und Wirklichkeit werden wird. Die rumäniche Regierung wird, an ihre Zusagen und Gesetze erinnert, es mit jenem berühmten Wiener Theatermann, halten, der so viel mehr Geist und Witz als Charakter hatte, und der, an ein gegebenes „heiliges Ehrenwort" gemahnt, antwortete „habe ich Ihnen denn mein Ehrenwort gegeben, daß ich mein Ehrenwort halten werde?" So bliebe denn von allen Hoffnungen auf die Erlösung der Juden Rumäniens nicht viel mehr übrig, als — die Befürchtung, daß nun auch das Los der Juden in Beffarabien, das wieder an Rumänien fällt, sich verschlechtert. Freilich dürfen wir aber auch die Erwartung hegen, daß auf dem Friedenskongreß die Sache der rumänischen Juden nicht vergessen werden wird. Die Entente-Regierungen, die so oft ihr Interesse für die Gleichberechtigung der Juden versichert haben, finden nun die Gelegenheit es praktisch zu bekunden und sie werden das hoffentlich auch nicht versäumen. Wenig freundliche Aussichten eröffnen sich in dem nun befreiten und zu einem eigenen Königreich entwickelten Finnland. Die Nachrichten über Judenausweisungen großen Umfangs wurden zwar offiziös — so ein junger Staat handhabt schon die Ableugnungsmaschine wie ein alter — bestritten oder doch abgemildert, und' in der Deputiertenkammer war wieder so schön von „gleichem Recht" die Rede. Ob aber auch mit wirklichem Recht? Auch dort hält man lieber viele Reden als. ein Wort. Immerhin bleibt neben dem Wunsch auch noch die Hoffnung, daß ein Volk, das eben durch die Gunst des Schicksals und durch deutsches Blut befreit wurde, seine junge Staatsherrlichkeit nicht gleich mit Gewaltakten beflecken und die Rolle des Bedrückten nicht sofort mit der des Bedrückers vertauschen werde. Nach dem bisherigen Stande der Dinge hat der Krieg die Lage der Juden vielfach eher verschlimmert