Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5678
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Überall werden wir, wie Hamlet, „mit Versprechungen gefüttert" und überall erweist sich diese Kriegskost als wenig bekömmlich. Von allen höchsten amtlichen Stellen ist uns die volle Ächtung unserer Gleichberechtigung feierlich verheißenworden und von der jungen Volksregierung, die in des Vaterlandes schwerster Stunde die Herrschaft wie die Verantwortung auf sich genommen hat, dürfen wir vollends Gerechtigkeit erwarten. Dabei sehen, nein spüren wir aber doch allerorten den Antisemitismus rastlos am unterirdisch-heimlichen Werke, den Rechtsboden, auf dem die Juden stehen, zu unterwühlen, ja die Sicherheit von Leben nnd Eigentum zu gefährden. Wie in den Gebieten krassester Barbarei, so wollen viele auch bei uns die Judenheit zum Sündenbock machen und ihr alle Schuld an jeglichem Unheil aufladen. Die selig-unselige Vaterlandspartei, soweit sie in einigen Resten noch sich regt, ruft freilich der antisemitischen Partei mit Heine zu: „Blamier' mich nicht, mein schönes Kind und grüß' Mich nicht Unter den Linden" aber wenn sie „nachher zuhause sind", pflegt sich alles zu finden. Dann wird mit Eifer die Gerichtschronik aller Erdteile durchforscht, ob sich nicht unter den Lebensmittel-Wucherern auch ein Cohn oder Levy findet, und unter den tausenden von Kriegsgewinnlern auch manch ein Abraham oder Jsaac, damit man, alle Aufmerksamkeit von den Millionengewinnen der Agrarier und Großindustriellen ablenkend, die Juden als die erfolgreichen Profitjäger in den Kriegsrevieren zu zeigen vermag. Bieltausende jüdischer Krieger haben auf unseren Schlachtfeldern den Heldentod gefunden, tausende tragen die eisernen Kreuze als Anerkennung, ihrer Tapferkeit Vor dem Feinde, tausende, die ihre gesunden Glieder im Kriege geopfert haben, gemahnen an die Hingebung, mit der deutsche Juden für ihr deutsches Vaterland einstanden.. Aber man konnte unter den vielerlei Arten von Drückebergern sicherlich und unschwer auch Juden ausspähen. Diese unter den Scheinwerfer zu bringen, das war dasleidenschaftliche Bestreben der Judengegner aller Gattungen. Noch unter dem Zeichen des vielgestörten Burgfriedens brachen diese Feindseligkeiten hervor, oft in