Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5678
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 Ußetur jedem von uns gepredigt wird: Dein wahrer Vorteil ist die Moral, so gilt in der Politik Macchiavelli's alte Lehre: die wahre Moral ist der Vorteil. Man Hätte sich nicht allzusehr verwundern dürfen, wenn es England in Bezug auf seine Palästina-Versprechungen ein 'wenig mit der Sittenlehre Franz Moors (: „Räuber, I. Akt. Sz. 2) hielte: „Wenn der Ochse den Kornwagen in die Scheune gezogen hat, dann muß er mit Heu vorlieb nehmen. Dir eine Stallmagd und keine Amalia"! Aber selbst wenn wir bei England gern den redlichsten Willen Doraussetzen und die volle Macht, diesem Willen Geltung %vl verschaffen, auch wenn wir weiter uns sagen, daß auch -die eifrigsten Vorkämpfer für ein jüdisches Zion dort nicht sowohl einen Thron, sondern eine Volks- und Landwirtschaft aufrichten wollen, nicht eine blinkende Krone für einen einzelnen Gesalbten, sondern Wohn- und Werkstätten für die Gehetzten, Verfolgten, Enterbten, auch dann wird man erst vorsichtig prüfen müssen, wie die neuen Einwanderer sich mit den altgesessenen Einwohnern auseinanderzusetzen und abzufinden haben. Eine kriegerische Besitznahme nach dem biblischen Rezept kommt ja nicht in Frage. An den Friedensverhandlungen nimmt nun freilich ein Führer der amerikanischen Zionisten, der 'Bundesoberrichter Louis D. Brandeis teil, der die jüdischen Ansprüche auf Palästina mit Eifer vertreten wird. Englands guten Willen jetzt noch anzuzweifeln, dazu liegt kein Grund vor. Die freudige Zuversicht der Zionisten ist darum erklärlich genug. Aber erst was fie nicht schwarz auf weiß sondern in Wirklichkeit besitzen, werden sie, die klugen Realpolitiker, als endgiltige Errungenschaft ansehen. Abzuwarten bleibt, ob es ohne „Protektorat" abgeht, und wer diese Schutzmacht etwa sein, unter welchen Bedingungen sie es sein soll. Vorsichtiges Unterscheiden zwischen Worten und Taten, zwischen Zusage und Erfüllung, zwischen Illusionen und Wirklichkeiten, das wird uns aber nicht nur in der Palästinasrage, das wird uns allüberall zur Pflicht, wo Juden um ihr gutes, wohlerworbenes Recht kämpfen, nicht zum mindesten im lieben deutschen Vaterlande.