Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 5678
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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nicht auch das Schicksal der Judenheit in voller Wandlung begriffen wäre! Daß auch hier eine Neugestaltung sich ankündigt,' ist in der natürlichen Ordnung der Dinge begründet. Bemerkenswert ist nur, einen wie breiten Raum diese Wandlung einzunehmen, eine wie große, weit über das Verhältnis der Judenheit zum Weltganzen hinausgehende Rolle diese Neuordnung zu spielen scheint. Wenn wir die Gesamtmenschheit in allen fünf Erd- ' teilen nach neueren Statistikern auf etwa zweitausend Millionen annehmen, — völlig sichere Zahlen fehlen ja — dann nimmt die Judenheit in allen Ländern wenig über ein halb Prozent der Weltbevölkerung ein; eine kaum in Betracht kommende Minderheit, eine verschwindende fast, wenn wir in Erwägung ziehen, daß nach dem Talmud eine fremde Zutat, eine abweichende Erscheinung, in sechzig sonst gleichartigen Teilen ,-sich verliert". In allen Friedensverhandlungen, allen Neuordnungs-Aufgaben taucht immer wieder die Judenfrage auf, von eifrigen Gegnern und Hassern feindselig betrieben.von weit minder eifrigen oder gar lauen, aus einer Art Anstandsgefühl auf den Plan tretenden Freunden verteidigt. Uns Juden aber, insbesondere den deutschen Juden, erwächst die große, heilige Ausgabe, Wache zu halten, auf daß die Sache der Judenheit, und das ist zugleich die Sache des Rechts, der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, keinen Schaden erleide. Unsere ganze, scharsauslugende Wachsamkeit erfordert das in der Umgestaltung begriffene Schicksal des heiligen Landes, die Zukunft Palästinas. Der Krieg hat alte Staatswesen.aufgerieben, hat neue begründet, besonders aber auch alte, längst zerstörte, nur noch in der Geschichte forterhaltene Staatengebilde wieder ins Leben zurückgerufen. So ist der langgehegte Traum-von der Wiederaufrichtung des Königreichs Polen, ein Traum, dem nach hundertdreiundzwanzig Jahren, nach so viel blutigen Aufständen, eine Verwirklichung nie mehr blühen zu sollen schien, gleichsam über Nacht zur Wirklichlichkeit geworden. Ohne eigene Opfer,