Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 20 (1917)
- Article
- Mirele
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 208 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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208 ihn die Dienerschaft mit dem Grafen, der weiter fuhr, ankommen sah. Mit seiner Familie zusammen nahm er den Kaffee ein und blieb mit ihr zusammen, bis er in später Stunde nach dem Abendbrot, das bei seiner Schwester Zippora alle Familienmitglieder vereinte, sich in seinem Zimmer zur Ruhe begab. Das hatten wir alle mit erlebt, ebenso alle sonstigen Hausgenossen, bis zu seiner Abreise am Frühmorgen. Es geschah in vollster Öffentlichkeit. Das Wägelchen, das ihn hergebracht hatte, holte ihn auf seine Anordnung wieder ab, um ihn zur Station zurückzubringen. Mit dem Schnellzug war er dann schon in den Vormittagsstunden wieder in Warschau eingetroffen. Im eigenen Wagen fuhr er hierauf bei einem Geschäftsfreund vor, und von dort zur Bank, wo er einige Aufträge finanzieller Art erteilte. Um ein Uhr mittag, genau als die Familie beim „dejeuner dinatoire" saß, wurde der Haftbefehl überreicht. Draußen standen die Gendarmen. Man war sehr erschrocken, man rief Stanislaus, man suchte ihn -überall. Er war verschwunden. Auch sonst nirgends aufzutreiben. Wo immer an allen verdächtigen Orten man ihn nachspürte. Die häusliche Haussuchung ergab wieder nichts. Mit ihm waren auch alle kompromittierenden Schriften verschwunden. Ja, wo war er nur? Das wußte niemand außer seinem Vater, - der zwischen den Stunden, wo er sich zurückgezogen hatte und der Abreisezeit am frühen Morgen seine Flucht über die Grenze geleitet hatte. Kein menschliches Auge hatte etwas davon gesehen, kein menschliches Ohr etwas gehört... Eine große Aufregung erfaßte mich, als der Student zum Schluß seiner Erzählung kam. „Jemand doch wohl!" rief ich aus, „ich!" Dann erzählte ich von dem nächtlichen Spuk jener Nacht. „Du hast geträumt," sagte meine Schwester sehr energisch, „ganz fest geschlafen hast Du die ganze Nacht, ohne Dich zu rühren, sogar geschnarcht hast Du!" Der Student lächelte ein wenig spöttisch. „So wird's Wohl gewesen sein, verehrter Kriegsflüchtling. Sie schreiben doch hoffentlich Tagebuchblätter?! Und nun